Denkanstöße

Bettina Jahnke | 3. Dezember 2014 | 0 Kommentare
Psychosoziale Umschau 4/2014

 

Drei Artikel, mit zeitloserem Nachrichtenwert, die mir in dieser Ausgabe ins Auge gefallen sind

Der erste davon widmet sich dem prekären Thema: psychisch kranke Obdachlose. Von den 300.000 Menschen ohne Wohnung leben immerhin 25.000 auf der Straße.
Leonie Bieger, die in Bochum Sozialwissenschaften und Anglistik studiert, wollte genauer wissen, welche Wechselwirkungen zwischen psychischer Erkrankung und Obdachlosigkeit bestehen.
Bei ihren Recherchen ist sie auf die SEEWOLF-Studie gestoßen, die 2011 aufgelegt wurde. Darin untersucht die Klinik für Psychiatrie am Klinikum rechts der Isar der TU München „ob und inwiefern die Bedürfnisse der Wohnungslosen (…) erfüllt werden und was man möglicherweise zum Besseren ändern könnte.
232 Personen wurden dazu in Notunterkünften und Wohnheimen befragt. Der Anteil der interviewten Frauen lag bei knapp einem Viertel, was der realen Geschlechterverteilung in Münchner Wohnheimen entspricht.
In Punkto Obdachlosigkeit zählen psychisch Kranke zur Hochrisikogruppe, hatte vor 20 Jahren die Fichter-Studie bereits offen gelegt. Viel scheint sich im Laufe der Jahre nicht zum Besseren gewendet zu haben:
„Nur 6% der Wohnungslosen leiden nicht und litten noch nie an einer seelischen Erkrankung. (…) Aktuell ließ sich bei zwei Drittel der Teilnehmer eine Erkrankung diagnostizieren: 40% waren depressiv, andere hatten Angststörungen, 14% zeigten Symptome schizophrener Erkrankungen (…) und mehr als die Hälfte litt unter verschiedenen Persönlichkeitsstörungen. (…) Viele (80%) greifen zu Suchtmitteln, teilweise auch, um mit der Erkrankung besser umgehen zu können.“
Knapp ein Drittel der im Rahmen der SEEWOLF-Studie Befragten nahm Psychopharmaka, wobei sich auch nur jeder Vierte der Betroffenen selbst als krank einschätzte
Folgerichtig gingen die Forscher der Frage nach, was zuerst da war: Psychische Erkrankung oder Obdachlosigkeit?
„Durch die biografische Analyse konnten die Forscher herausfinden, dass eine psychische Erkrankung bei 66% der Teilnehmer durchschnittlich bereits sechseinhalb Jahre vor Beginn der Wohnungslosigkeit bestand.
Als Konsequenz ist nun angedacht, den Wohnungslosen das Angebot einer Unterkunft zu unterbreiten, ohne dies mit der Auflage einer Therapie zu verbinden. Die Hoffnung ist, dass dadurch im ersten Schritt eine gesundheitsfördernde Ruhephase im vagabundierenden Leben eintritt.

Über eine zweite aufschlussreiche Studie berichtet in eigener Sache Anke Brückner. Die Sozialpädagogin hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin das Projekt “Wie misst man Teilhabe in der Eingliederungshilfe“ beteiligt, das von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Auftrag gegeben wurde. Durchgeführt wurde das Ganze vom Institut Personenzentrierte Hilfen im Zeitraum von Juni 2011 bis Mai 2014.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Teilhabeplanung auch bei einer schwer schwerbehinderten Klientel nutzerdefiniert realisiert werden kann. Dazu wurden 80 Experten aus Erfahrung mit psychischer Erkrankung und/oder Lernbehinderung begleitet.
Das Fazit lautet:
„Äußerungen von Bedenkenträgern, dass Personen mit Beeinträchtigungen nicht in der Lage sind, ihre Teilhabe zu bestimmen, wurden anhand der Ergebnisse (…) widerlegt. Im Projekt (…) wurde nachgewiesen, dass Menschen mit psychischen und Lernbeeinträchtigungen, bis hin zu schwersten Beeinträchtigungen der Kommunikation, ihre Wünsche zum Ausdruck bringen und die daraus entstandenen Ziele verfolgen können.“
Wie das?
Zunächst war es der Projektgruppe immens wichtig, dass eine individuelle und autonome Definition von Teilhabe von den Erfahrungsexperten selbst zugrunde gelegt wurde, die möglichst frei von fachlicher Manipulation ist:
„In der Phase der Bestimmung von Wünsche und Teilhabeideen wurden die Bezugsbetreuer angehalten, keine inhaltlichen Anmerkungen, sondern ausschließlich neutrale Hilfestellung zu geben. Die Experten hatten u.a. auch die Möglichkeit, auf die Unterstützung ihres Bezugsbetreuers zu verzichten und nur mit dem dafür anwesenden Moderator zu sprechen.“
Unterstützend wurde den Projektteilnehmern das Tool einer „Teilhabekiste“ angeboten:
„In der Teilhabekiste befinden sich bebilderte Karteikarten zu allen Lebensthemen in einfacher Sprache, die konkrete Wünsche beschreiben wie z.B. >Ich möchte andere Menschen besser verstehen. Jemand hilft mir dabei.<“
Dieses Brainstorming war ziemlich ergiebig. Die Experten mit Lernbeeinträchtigung konnten im Schnitt zehn Teilhabeideen benennen, die psychisch Erkrankten sogar 16
Im nächsten Schritt ging es darum, aus der Fülle der gesammelten Teilhabeideen Teilhabeziele abgeleitet, indem die wichtigsten individuellen Wünsche herauskristallisiert wurden. Hier gab es eine interessante Schwerpunktverlagerung, denn während bei den Teilhabeideen, die „Freizeit“ an erster Stelle stand, standen bei den Teilhabezielen „Familienkontakte“ und „Gesundheitsthemen“ im Vordergrund.
Die Erfolgsmessung erfolgte schließlich über einen eigenen Teilhabeanzeiger:
„Der Teilhabeanzeiger macht aus den bereits festgelegten Zielen messbare Anhaltspunkte. Nach eineinhalb Jahren hatten die Teilnehmenden 40% ihrer individuell festgelegten Teilhabeziele erreicht. Demgegenüber stehen 37% der Ziele, die nicht erreicht wurden und 17% die teilweise erreicht wurden (+ 6% nicht ermittelbar). Auf die Nachfrage, ob ihre Ziele nach eineinhalb Jahren noch Bestand hätten, antworteten über 60% mit >Ja<“
Interessant sind auch die behindertenspezifischen unterschiedlichen Bedürfnisse, die sich allein im Vergleich von zwei Behindertenarten herauskristallisiert haben. Bei psychischen Störungen spielt die „Auseinandersetzung mit der eigenen Person“ eine zentrale Rolle:
„Sie sind auch stärker gefährdet, aufgrund einer akuten Erkrankung oder wegen erkrankungsbedingt beeinträchtigter Motivation ihre Ziele nicht zu erreichen. Im Gegensatz bedürfen Personen mit Lernbeeinträchtigung stärker der professionellen Unterstützung, damit hängt das Gelingen ihres Teilhabeprozesses mehr von anderen Personen ab.“

Zum Abschluss dieser Rezension noch ein politischer Denkanstoß von einer Rechtsanwältin aus Marburg. Dr. Sabine Wendt nimmt sich die Werkstätten für behinderte Menschen zur Brust mit einem frappierenden Statement:
„Inklusion in der Arbeitswelt wäre erreicht, wenn auch in der WfbM die Arbeitsbeziehungen durch Tarifverträge geregelt würden.“
Dazu muss man wissen: In der Regel sind die Mitarbeiter von Werkstätten KEINE Arbeitnehmer, sondern befinden sich in einem arbeitnehmerähnlichen Rechtsverhältnis. Dies ist eine deutsche Spezialität:
„(…) in Frankreich, den Niederlanden und anderen Ländern sind Werkstattbeschäftigte Arbeitnehmer und erhalten den Mindestlohn.“

Warum gibt es also diesen nationalen Sonderweg?
Argument 1:
Gegen ein Arbeitsverhältnis spreche
„Die WfbM müsse medizinische, pädagogische, soziale und psychologische Dienstleitungen erbringen“, die nicht zu den klassischen Arbeitsgeberpflichten zählen.
Wendt hält dagegen, dass diese Leistungen von den Rehabilitätionsträgern vergütet werden. By the way:
„Ein Rechtsanspruch auf Erbringung dieser Leistungen besteht unabhängig von ihrem arbeitsrechtlichen Status, für alle behinderten Beschäftigten.
Argument 2
„Als Argument gegen die Begründung eines Arbeitsverhältnisses von Werkstattbeschäftigten wird (…) vorgebracht, dies ermögliche die Kündigung wegen Schlechtleistung“.
Wendt lässt auch dieses als Argument nicht gelten, denn es spreche ja „nichts dagegen, auch gegenüber Arbeitnehmern im Werkstattvertrag zu regeln, dass eine Kündigung nur bei Beendigung des sozialrechtlichen Teilhabeverhältnisses mit dem zuständigen Rehaträger zulässig ist.“
Mit diesem Kunstgriff würden sowohl Rehaträger, als auch das Integrationsamt im Fall der Falle zum Schutz des Arbeitnehmers eingeschaltet.
Argument 3
„Für die Betragszahlung zur Kranken-, Pflege- sowie zur Rentenversicherung bestehen in der WfbM Sonderregelungen, die den Sozialversicherungsträgern höhere Beitragszahlungen zukommen lassen, als es den niedrigen Werkstattlöhnen von gegenwärtig 179 Euro durchschnittlich entspricht.
Abgesehen von einer tarifvertraglichen Regelung, die eine neue Ausgangslage schaffen würde, macht Wendt in diesem Zusammenhang auf einen Pferdefuß aufmerksam:
„Die höhere Rentenleistung für voll erwerbsgeminderte Werkstattbeschäftigte wird (…) mit einer besonderen Abhängigkeit von einer WfbM-Beschäftigung von 20 Jahren zum Anwartschaftserwerb für eine Erwerbsminderungsrente erkauft.“ Wer sich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bewegt, hat hingegen schon nach fünf Jahren Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente.

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