DGSP Jahrestagung 2014

Bettina Jahnke | 25. Mai 2015 | 0 Kommentare

Soziale Psychiatrie 02/2015

Die Ausgabe umfasst ausgewählte Vorträge zur Dokumentation der Jahrestagung 2014 in Bremen. Sie lassen erkennen, was der DGSP an übergeordnet-politischen Themen von Bedeutung ist. Es geht überwiegend um die Skizzierung einer sozialpsychiatrischen Grundhaltung, um mehr Selbstbestimmung und die Vermeidung von Zwang. In den ersten vier Artikeln werden gesellschaftliche Weichenstellungen kritisch ausgeleuchtet. Dabei kommen Aspekte der Ökonomisierung, der Deinstituionalisierung, neue Formen der Peerarbeit und Wege zur individuellen Psychopharmaka-Reduktion zur Sprache.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aus Berlin, hat sich auf der Tagung mit einem viel beachteten Vortrag gegen die Ökonomisierung des Sozialen hervorgetan.
Ein Dorn im Auge ist ihm die „Vergeldlichung“ von sozialen Dienstleistungen, um sie marktfähig, vergleichbar und konkurrenzfähig zu machen. Dadurch würden, klagt Schneider, Tätigkeiten aus dem Beziehungskontext gerissen, banalisiert und entseelt. Um dies zu veranschaulichen, bringt er ein alltägliches Beispiel aus dem Bereich der Pflege, genauer, die „Hilfe bei der Nahrungsaufnahme“: „Dass bei diesem Vorgang (…) zwei Menschen eine Beziehung eingehen, die für den hungrigen pflegebedürftigen Menschen vielleicht allemal wichtiger ist als diese eine Mahlzeit selbst, wird ebenso ausgeblendet wie vielleicht die Tatsache, dass die Annahme dieser Hilfe mit sehr unterschiedlichen Gefühlen und Reflexionen verbunden sein kann oder aber dass der Besuch der Pflegerin oder des Pflegers vielleicht der einzige über viele Stunden ist.“
Indem man diesen Hergang auf eine reine Assistenzleistung beim Essen reduziert, läuft das Personal fast zwangsläufig Gefahr auszublenden, dass es einen Mensch vor sich hat mit einer ganz individuellen Biografie und einer ganz individuellen Geschichte: „Es ist eine kontextlose, verallgemeinerte, abstrahierte und abrechnungstechnisch entmenschlichte >Hilfe zur Nahrungsaufnahme<.“
Schneider weist darauf hin, dass mit dieser Denke die Grundfesten der Pädagogik erschüttert werden: „Mehr oder weniger ausgeblendet bleibt die basale pädagogische Einsicht, dass ich niemals einen einzigen Aspekt eines Menschen verändern kann, ohne ihn als Ganzes zu verändern, dass Bildung und Erziehung nur ganzheitlich funktionieren. Und Ganzheitlichkeit entzieht sich aufgrund ihrer Komplexität nun einmal weitestgehend versimplifizierender empirischer Messung.“ Schneider mahnt zur Umkehr. Die Sozialpädagogik solle endlich Flagge zeigen und Farbe bekennen: „Mit neuen Impulsen muss die Auseinandersetzung mit der eigenen Theoriegeschichte und dem Charakter der sozialpädagogischen Beziehungsarbeit neu belebt und intensiviert werden. (…) Dem kalten Utilitarismus ist gesellschaftspolitisch der eigene Wertekodex von Solidarität, Menschlichkeit und Barmherzigkeit entgegenzustellen. Konflikte sind einzukalkulieren und auch auszutragen (…). Es geht darum, zielbewusst mitzumischen im Kampf um Meinungsführerschaften und Meinungsmehrheiten in der Gesellschaft. Es geht darum, auf Strömungen des Zeitgeistes nicht lediglich zu reagieren, sondern sie zu beeinflussen.“

Ebenfalls von der Beziehungsebene aus argumentiert Matthias Heißler, Psychiater und leitender Arzt der Psychiatrischen Abteilung im Johanniter-Krankenhaus in Geesthacht. Abstrakt, von der allgemeinen Gesetzeslage ausgehend (Zitat aus dem BVerfG 2010: „Der Mensch als Person existiert notwendig in sozialen Bezügen“) schafft er den Spagat zu etwas typisch Menschlichem: Jeder von uns versuche sein Leben zu verarbeiten, indem er widersprüchliche innere und äußere Eindrücke zu kohärenten Geschichten verarbeitet. Auch Demenzkranke oder psychotisch Erkrankte gingen so vor, allein die Inhalte der kommunizierten Geschichten wirken auf Außenstehende häufig abstrus. Gerade in solchen Situationen sei es unabdingbar für die Helfer, die Lebenswelt des Betroffenen zu kennen, um den „wahren“ Kern der Geschichten zu ergründen: „Menschen in psychischen Krisen sind in dem Erfassen überindividueller Muster durch ein Übermaß an Disharmonien und Inkonsistenzen behindert. Sie sind phänomenologisch auf das konkrete Sein zurückgeworfen. Die Exklusion von psychisch erkrankten Mensch aus ihrem Lebensumfeld, einhergehend mit der Verlegung in Institutionen, spitzt deshalb häufig die Symptomatik eher zu, als dass sie sie abmildert.“
Heißler plädiert folgerichtig dafür, den kranken Menschen im sozialen Raum und in der „Normalität“ zu belassen, z.B. indem man Hilfsangebote wie Hometreatment oder Gastfamilien favorisiert. Letztere erzielten überraschend gute Genesungserfolge, vorausgesetzt, die Gastfamilien werden NICHT professionalisiert: „zunächst war man der Ansicht, man müsste die Familien psychiatrisch ausbilden, bevor man sie auf Patienten `loslässt`. Man musste jedoch feststellen, dass dabei die therapeutische Potenz der Familien zurückging.. Differenzierte Studien (…) lassen an der Wirksamkeit keinen Zweifel. Die Patienten in den Gastfamilien sind in Bezug auf die Schwere der Erkrankungen vergleichbar mit denen auf der Station. Im `Outcom´`sind sie jedoch nicht nur gleichwertig, sondern sogar deutlich besser.“
Den Weg in die Zukunft wünscht sich der Autor gemeinhin als „kollaborative“ Psychiatrie, im Sinne von „gemeinsam an einer Sache für die Gemeinschaft arbeiten“. Was damit konkret gemeint sein könnte? Dazu ein Gedankenexperiment: „Stellen Sie sich vor, dass von Bürgern aktivierte Stadtteile durch mobile Kriseninterventionsteams unterstützt werden. (…) Über Immobilientherapie lässt sich für jeden Patienten eine Wohnung finden. Über Arbeitsassistenz oder Supported Employment begleiten sie Menschen an einen Arbeitsplatz, bis dieser kollegialer Teil der Belegschaft ist. Weil bekanntermaßen Profis nicht integrieren können (Dörner), bekommt jeder Patient einen Bürger als `Psycho-Paten´ zugeteilt, der diesen Teil der Arbeit übernimmt. Das Wissen um psychiatrische Versorgung ist nicht länger ein auf Professionelle beschränktes Wissen, sondern wird mit Bürgern, Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen geteilt. (…) Sie haben sich vom Konsumenten zu Prosumenten gewandelt. Gemeinsam mit den Profis arbeiten sie kollaborativ an der Weiterentwicklung psychiatrischer Versorgung vor Ort.“
Heißler spricht in seinen Ausführungen von „Postpsychiatrie“ und baut dabei u.a. auf  eine zeitgemäße Philosophie. Dazu empfiehlt er dem geneigten Lesen Literatur zum Vertiefen: „Während Wissenschaft und Forschung im analytischen Kleinklein versinken, schaffen philosophische Überlegungen das, was zusammengehört, transdisziplinär wieder zusammenzuführen und neue Einblicke und Ausblicke zu geben; so zum Beispiel Thomas Fuchs in seinem Buch `Das Gehirn – ein Beziehungsorgan´ oder Gerald Ulrich in „Psychiatrie. Biologische Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft.“

Bei der „kollaborativen“ Psychiatrie sind sie künftig, wie oben bereits ausgeführt, unentbehrlich: die Peers. Christel Achberger, Psychologin aus Flintbek, und Jörg Utschakowski, Sozialpädagoge aus Bremen, sind beide EX-IN Profitrainer. Sie führen aus, was EX-IN Genesungsbegleiter anstoßen können und sollen: nämlich die Entwicklung von einer Fürsorge- zu einer Empowerment-Kultur. Hier tun sich große Spannungsfelder auf, weil häufig unterschiedliche Grundhaltungen aufeinanderprallen: „Zu Beginn sind Kolleginnen und Kollegen oft irritiert, dass die Genesungsbegleiter den Klienten nicht mit der sonst üblichen, gewohnten professionellen Distanz begegnen. Dies wird manchmal als mangelnde Abgrenzung interpretiert. Wie aber die Peers aus eigener Erfahrung wissen und wie auch die Recovery-Forschung zeigt, sind Nähe, Persönliche Zugewandtheit, freundschaftliche Kontakte und Fachkräfte, die nicht nur aus ihrer Rolle heraus agieren, sondern als Person erfahrbar sind, wichtige Aspekte für eine Recovery-oientierte Beziehung.“
Hier muss nach Ansicht von Achberger/Utschakowski, eine gute Gesprächskultur greifen, damit trotz etwaiger und reflexartiger Abwehrbewegungen studierte Fachkollegen, die Rolle der Peers „als Anregung und Bereicherung“ verstehen, auch um „eigene Überzeugungen und Grundhaltungen zu überprüfen.“ Die beiden EX-IN Trainerkollegen gehen sogar noch einen Schritt weiter und machen sich dafür stark, die Erfahrungsexperten bereits bei der Ausbildung von Fachkräften einzubeziehen.

Zum Schluss dieser Zusammenfassung jetzt noch ein paar Statements zum kritischen Umgang mit Psychopharmaka. Peter Lehmann, Sozialpädagoge, Verleger und Selbsthilfeaktivist mit Ehrendoktortitel, kommt ohne Umschweife auf einen Sachverhalt zu sprechen, der im Behandlungssetting selten offen gemacht wird, vermutlich, weil das Vertrauen in die ärztlichen Fähigkeiten schnell darunter leiden könnte: „Die gesundheitlichen Risiken psychiatrischer Psychopharmaka (…) nehmen im Verlauf der Einnahme stetig zu. (…) Rezeptorenveränderungen, Entzugs-, Rebound- und Supersensitivitätssymptome bei allen Arten von Psychopharmaka machen das Absetzen oft zum Problem, insbesondere wenn die Betroffenen die Risiken beim zu schnellen Absetzen nicht kennen.“
Wenn Asmus Finzen, Psychiater im Ruhestand, erklärt, warum Fachärzte mit dem berechtigten Absetzwunsch ihrer Patienten selten konform gehen können und wollen, klingt es geradezu profan: „Wie man Medikamenten absetzt, lernen sie nicht.“
Aber statt die eigene Überforderung und Ratlosigkeit transparent zu machen, wird die Verantwortung gerne abgewälzt: „Viele drohen damit, ihre Patienten zu verstoßen – und manche tun das auch. Das aber ist mit den Prinzipien und der Ethik ihres Berufes nicht vereinbar. Es kann sogar ein Kunstfehler sein: Wenn ein Patient Medikamente, die  er langzeitig eingenommen hat, absetzen oder reduzieren will, hat der behandelnde Arzt ihm gefälligst zu helfen – auch wenn er anderer Meinung ist. (…) Es bedarf einer Strategie der allmählichen Dosisreduktion, bis schließlich nach Wochen oder Monaten ganz auf die Medikamente verzichtet werden kann.
Peter Lehmann ermutigt Psychiatrie-Erfahrene dazu, sich von der weit verbreiteten Non-Compliance Haltung in der Ärzteschaft nicht beeindrucken zu lassen: „Ob Psychiatriebetroffene ihre Psychopharmaka mit oder gegen ärztlichen Rat absetzen, spielt im Prinzip keine Rolle. Wer es gegen ärztlichen Rat tut, hat die gleichen Erfolgschancen wie derjenige, dessen Arzt seine Entscheidung unterstützt. Dies ist das Ergebnis einer 2005 in England und Wales veröffentlichten Studie von MIND (vergleichbar der DGSP). (…) Es stellte sich heraus, dass Ärzte nicht voraussagen konnten, welche Patienten erfolgreich Psychopharmaka absetzen würden. Ärzte wurden als die am wenigsten hilfreiche Berufsgruppe beim Absetzen genannt.“
Zugleich weist Lehmann auf einen – von der Pharmaindustrie vermutlich gerne geduldeten – Systemfehler hin: „Da es die Diagnose der Antidepessiva- oder Neuroleptika-Abhängigkeit noch nicht gibt, finanzieren Krankenkassen weder stationäre Aufenthalten zum Absetzen noch Reha-Maßnahmen.“
Wie hilflos selbst betroffene Ärzte sind, um sich aus dem Teufelskreis einer Recovery-blockierenden Pharmakotherapie zu befreien, schildert eindrucksvoll Margret Osterfeld, die eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technische Assistentin mitbringt und selbst als Oberärztin in der Psychiatrie gearbeitet hat. Gegen Übergriffe seitens der eigenen Kollegen war sie machtlos, als sie selbst vorübergehend in die Patientenrolle fiel: „Schlimm war für mich, dass im Jahr 2000 vier Mal in fünf Wochen versucht wurde, mein Selbstbestimmungsrecht durch Gerichtsbeschlüsse außer Kraft zu setzen, nur um mich zur Einnahme eines Medikamentes (Gabapentin) zu nötigen, das bis heute für psychiatrische Indikationen nicht zugelassen ist. Die Klinik nahm wohl an einer Studie teil, dies bedeutet, sie bekommt zusätzliches Geld von der Pharmaindustrie für jeden Patienten, den sie in die Studie einschließt.“
Damit schneidet sie beiläufig ein Thema an, was in der öffentlichen Diskussion meines Erachtens nicht ausreichend kritisch gewürdigt wird, eng verbunden mit der Frage: Wo setzt die Würde und das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen der Forschungsfreiheit Grenzen? Hier wünschte ich mir, dass jeder Schritt nach vorn, mit einem offenen Blick zurück in die deutsche Geschichte verbunden wird.

 

 

 

 

 

 

Abgelegt unter: Home

Kommentar schreiben