Europa hat die Krise… Psychiatrie international

Bettina Jahnke | 8. Februar 2014 | 0 Kommentare

Soziale Psychiatrie 1/2014

Ein Heft, das den Horizont erweitert, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch ganz wortwörtlich. Einige Blicke – mal mehr, mal weniger systematisch – über den Tellerrand Deutschland hinaus auf psychiatrische Einrichtungen. Angefangen von Großbritannien, über Griechenland, Italien, Frankreich, Polen, die Ukraine, Finnland, Schottland, Tansania bis hin nach Japan.

Beeindruckend der Artikel von Anna Emmandouelidou, einer Psychologin, die den Vorsitz für das griechische „Observatorium für Menschenrechte in der Psychiatrie“ innehat. Die Autorin hat neun Jahre in Süddeutschland in der Psychiatrie gearbeitet, ehe sie 2001 wieder nach Thessaloniki zurückkehrte, wo sie unter anderem im „Zentrum für Psychische Gesundheit“ arbeitet. Emmandouelidou ist augenscheinlich eine leidenschaftliche, politische Aktivistin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und die Verhältnisse in Griechenland nicht nur beobachtet, sondern auch bewertet. Ihre Art des Schreibens ist zweifellos fesselnd.
Völlig desillusioniert beschreibt sie rückblickend die Anfänge der Psychiatriereform in Griechenland, die „nicht von der Basis ausging, sondern administrativ und repressiv von oben als EU-Richtlinie umgesetzt werden musste.“
Und das gegen innere und äußerliche Widerstände auf allen Seiten der griechischen Gesellschaft: „Die Gesellschaft war tief verhaftet in Vorstellungen und Vorurteilen von Gefährlichkeit, (Un-)Heilbarkeit und biologischer Natur der >psychischen Erkrankung<. Die ersten Profis versuchten verzweifelt und mit großem Druck, gemeindepsychiatrische Strukturen aufzubauen, die simple Imitationen waren, angeregt von flüchtigen Eindrücken, die sie bei kurzen, EU-finanzierten Auslandsreisen gewonnen hatten. Seitens der Gesellschaft gab es starken öffentlichen Widerstand – gegen den Aufbau von sozialpsychiatrischen Wohngemeinschaften und die Integration von >Psychiatrieinsassen< in die Gemeinde. Die chronifizierten asylierten Insassen selbst lehnten den schnellen und fremdgesteuerten Ablauf ihrer >Resozialisierung< heftig ab. In manchen Fällen wurden sie unter Zwang in kleine Heime in die Gemeinde geschafft; manche starben einige Tage nach ihrem Transport in die neuen, strahlend-schönen EU-finanzierten Gebäude. Es war grotesk.“
Die studierte Psychologin beschreibt einen Prozess der Neuorientierung in den Reihen der jungen aufgeschlossenen Profis – zu denen sie sich auch selbst zählt-   der mit einer Haltungsänderung durch kritische Einsicht und Reflektion wenig zu tun hat: „von einer inhumanen, repressiven Wohlfahrtslogik hin zu einer human-repressiven Wohlfahrtslogik. (…) „Dieses stressige und gestresste Projekt nannten wir >Die Reform, die nie stattfand>“.
Die Auswirkungen für die Betroffenen auch in den reformorientierten Anstalten war trostlos wie eh und je: „Das Einzige, worüber damals kein Wort fiel, war die Emanzipation dieser Menschen und ihre Selbstbestimmung. Es handelte sich komplett um ein sehr aufwendiges System, das auf dem Konzept der lebenslangen Vulnerabilität und der unkritischen Verabreichung von Psychopharmaka beruhte, mit dem Ziel, den Betroffenen ein Leben ohne Höhepunkte, ohne die Gefahr von (stressigen) Veränderungen zu ermöglichen.“
Die Wende kam nach Ansicht von Emmandouelidou erst 2003 mit dem Aufbau des „Hellenischen Observatoriums für Menschenrechte in der Psychiatrie“, einer trialogischen Initiativgruppe. Deren Verdienste sei ein Kulturwandel gewesen, indem man dort längst überfällige Themen auf die Tagesordnung brachte, wie eine „nicht-psychiatrische Bewältigung von psychischen Krisen, Unterstützung beim Reduzieren oder Absetzen von Psychopharmaka, Förderung beim Aufbau von Selbsthilfegruppen, Hilfe bei der Verfassung von Psychiatrie-Testamenten.“
2010 dann eine neue Zäsur. Die Wirtschaftskrise bricht auch in die Psychiatrie mit voller Wucht ein. 2013 werden die drei größten psychiatrischen Krankenhäuser von heute auf morgen einfach geschlossen. Die z.T. schwer chronifizierten Patienten werden einfach vor die Tür, oder besser, auf die Straße gesetzt. Auch Projekte des Betreuten Wohnens werden ohne Vorankündigung nicht länger finanziert.
Nicht, dass die Autorin dem alten System nachtrauert. Im Gegenteil, sie sieht nur die Masken fallen und wirft ein grelles Schlaglicht auf gnadenlos, inkompetente und verantwortungslose Politiker.
Wo steht die griechische Psychiatrie also nach dieser Komplettdemontage? „Heute befinden wir uns – ohne finanzielle Mittel – in einer Situation, in der traditionelle psychiatrische Konzepte wieder dominieren oder gar keine psychosoziale Versorgung mehr existiert. Wie vor 30 Jahren.“ Und doch scheint alles anders, denn diesmal stehen alle Zeichen auf Widerstand und Bürgersinn: „Wir sind das Kapital, und es ist an der Zeit, es zu realisieren. Wir sind eine Generation, die Kenntnisse, Ideen, Fertigkeiten und eine politische Ethik hat, hochqualitative Alternativvorschläge zu machen, um der Plünderung unseres Lebens entgegen zu wirken.“
Wie so viel zielstrebiges Engagement mitten im Abgrund aufkeimen kann…? Chapeau!

Wie es dagegen auf der Insel jenseits des Ärmelkanals aussieht, darüber erstattet Martin Zinkler, Chefarzt aus Heidenheim, Bericht. Die Briten werden als Vorreiter der Empowementbewegung gefeiert, deren Wurzeln bis auf die Quäker des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt werden können. Doch wie sich zeigt, ist dort auch nicht alles Gold, was glänzt: „Psychiatrie-Erfahrene und teilweise auch Psychiatriefachleute fordern Empowerment, dennoch finden diese Forderungen nur stellenweise Niederschlag in der klinischen Arbeit (…).“
Vorbildlich dagegen die Strukturen in der Gemeindepsychiatrie: „Zur Basisversorgung gibt es überall Community Mental Health Teams (CMHT). Diese Teams sorgen für einen gemeindenahen und unmittelbaren Zugang zur ambulanten psychiatrischen Versorgung. Ein Patient wird erst dann ins Krankenhaus aufgenommen, wenn er vom CMHT gesehen wurde und eine intensive, tägliche und aufsuchende Behandlung (Hometretment) als nicht ausreichend oder nicht möglich erachtet wird.“ Neben den genannten Hometreatmentteams gibt es weiter ambulante Spezialteams zur Frühintervention und für Schwerstkranke.
Was auch gut klingt: „In England wird in der Psychiatrie ganz ohne Festbinden am Bett gearbeitet. Fixierungen sind dort verboten.“ Zudem wird „in der Allgemeinpsychiatrie in England trotz eines hohen Anteils untergebrachter Patienten von bis zu 50 Prozent mit offenen Stationstüren gearbeitet.”
Klingt alles zu schön, um wahr zu sein. Ist es auch nicht. Jedenfalls ist es nicht die ganze Wahrheit. Seit 2009 gibt es nämlich im englischen Psychiatriegesetz die Möglichkeit, CTOs, ambulante Behandlungsanordnungen, zu erwirken. Patienten, die stationär untergebracht sind, können legal für sechs Monate zur ambulanten Behandlung nach der Entlassung verpflichtet werden, beispielsweise dazu, in bestimmten Abständen in die Sprechstunde zu kommen, eine Urinuntersuchung auf Drogengebrauch zuzulassen, Hausbesuche zu erlauben und bestimmte Medikamente, auch Depot-Neuroleptika, einzunehmen. CTOs können nach sechs Monaten verlängert und über Jahre aufrechterhalten werden.
Das Kommentierung dieser Entwicklung seitens Zinkler fällt daher auch offen kritisch aus: „Ohne dass es überzeugende Daten zur Wirksamkeit dieser Intervention gibt, und trotz Zweifel daran, ob ambulante Behandlungsanordnungen mit der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) vereinbar sind, haben die englischen Psychiater schnell begonnen, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.“

Noch weniger mag man sich wünschen, dass es einen mit einer Schizophrenie-Diagnose auf eine Insel im Pazifik verschlagen könnte, wenn man den Bericht liest, der von der Japanerin Kaori Miura handelt. Die studierte Ökonomin mit Psychoseerfahrung, die kurz nach ihrem Studium schwer erkrankte und inzwischen auf einem guten Recoveryweg zu sein scheint, durfte – ausgestattet mit Stiftungsgeldern einer japanischen Reinigungsfirma – das deutsche Psychiatriesystem im Rahmen einer Hospitation kennen lernen. Ihr Fazit: In Deutschland sei es besser als in Japan. Warum? Das wird deutlich, wenn man ihren Schilderungen aus der Psychiatrie in der Nähe von Sapporo folgt: „Die ersten beiden Wochen hat sie allein in einer Zelle verbracht: drei Schlösser, ein Guckloch, kein Fenster, keine Uhr, die Toilette ein Loch im Boden. Kurze Gänge auf die Stationen, nur in Begleitung von Krankenschwestern, sind gestattet, weiter nichts. (…) Auf die Zelle folgen fünf Monate in einem Vierbettzimmer. Hier gab es keine Angebote wie in Deutschland – Denksport, Leibesübungen, Yoga oder Ergotherapie – , hier gab es nur freie zeit, zehn Minuten Bewegungstherapie, Langeweile.“ Was danach folgt, sind übrigens sechs Jahre (!) in einer Tagesklinik.

Da mag man meinen, Deutschland sei das Gelobte Land, und läuft vielleicht Gefahr, den Artikel von Katrin Blauth über ein psychiatrisches Krankenhaus in Afrika zu überlesen. Ein Fehler! Die Studentin der katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin absolvierte im vierten Semester ein dreimonatiges Praktikum im Lutindi Mental Hospital, eine Einrichtung der Nord-Ost-Diöszese der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias.
In den Usambarabergen trifft sie auf Patienten, die überwiegend Psychoseerkrankungen aufweisen, ausgelöst durch Drogenkonsum oder Alkoholmissbrauch. Die Klinikaufenthalte dauern zumeist sechs bis zwölf Wochen. Man möchte voreingenommen vermuten, die Zustände dort seien desolat, denn unter den 55 Klinikmitarbeitern befindet sich nicht ein Psychiater. Aber man hat durch gezielte Schulungen dieses Defizit offenbar gut kompensieren können, indem Psychiatriepflegekräfte die Aufgaben der Mediziner mitschultern.
Die medikamentöse Versorgung vor Ort, dient  zur Verminderung von Entzugssymptomen und zur Stabilisierung aktutpsychotischer Episoden. Die Beschäftigungstherapie diene, anders als in Deutschland, mehr zur Rückkehr in den Alltag: „Die Menschen sollen aktiviert werden, sodass sie, wenn sie entlassen werden, sich wieder am Arbeitsleben beteiligen können und den anfallenden täglichen, auch häuslichen Aufgaben gewachsen sind.“ Als Räume für derlei Belastungserprobungen stehen ein Farmbereich, ein Garten, eine Küche, eine Wäscherei und eine Tischlerei zur Verfügung. Weiter werden die Patienten im Innendienst eingesetzt oder dürfen sich in einem Maurer- oder Malerbetrieb bewähren. Auch eine Sisalwerkstatt gibt es.Die Gruppengespräche sollen aufklären über Abhängigkeitsursachen, Symptome, Entzug und Abstinenz.
Was mir am Artikel der Studentin zusagt, ist eine von Offenheit und Demut geprägte Bilanz, mit der sie die ersten Berufserfahrungen in die persönliche Entwicklung integriert: „Für mein weiteres Leben möchte ich von dieser Zeit in Tansania und dem Verhalten der Tansanier einiges lernen. Die Lebenseinstellung gefiel mir sehr: Kleinigkeiten nicht für maßlos wichtig zu halten und ein großes Grundgefühl in sich zu tragen. Dankbar, fröhlich und unbeschwert das Leben, wie es einem begegnet, zu genießen, trotz vielleicht unerfüllter Wünsche (…). Ein anderer wesentlicher Punkt ist die Gastfreundschaft auch gegenüber anderen Kulturen und die Geduld. Viele Male luden mich die Tansanier zum Essen ein und wiederholten mehrmals Sätze, wenn ich sie nicht verstand. Meist waren sie geduldiger mit mir, als ich es selber war.“
In Tansanier scheinen die Menschen in der Psychiatrie am Ende doch Einiges mehr als mancher hierzulande darüber zu wissen, was ein gelungenes Leben ausmacht.


 

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