grenzenlos selbstbestimmt

Bettina Jahnke | 19. März 2015 | 0 Kommentare

Sozialpsychiatrische Informationen 1/15

„grenzenlos selbstbestimmt“, so der Tenor diese Heftes. Was zunächst wie ein Werbespruch klingt, ist allerdings durchaus kritisch gemeint.
Die Redaktion der Sozialpsychiatrischen Informationen kündigt zwar einen Rundumschlag an, fokussiert sich aber nach einleitenden Artikeln zum Thema Transhumanismus und Reproduktionsmedizin schnell auf die Sterbehilfe. Hier beziehen die Heftmacher eindeutig, wenn auch indirekt durch die Autorenauswahl, Stellung: Die aktive Sterbehilfe ist tabu. Die passive Sterbehilfe gehört sehr kritisch hinterfragt.

Allein der Artikel von Friedbert Scharfetter, emeritierter Professor für Neurochirurgie, der seinen Bruder, den prominenten Psychiater Christian Scharfetter, in den Freitod begleitet hat, fällt hier etwas aus dem Rahmen: „Können Sie Christians letzten Schritt verstehen und gutheißen? Erkennen Sie die Authentizität, die Echtheit, darf ich sagen: die Humanität eines solchen Endes? Können auch Sie den Freitod in bestimmten Situationen als Erlösung sehen? (…) Gut, dass die Schweiz die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen hat, einen wohlbegründeten Sterbewunsch zu respektieren und einen >verantwortungsvollen Beistand< zu gestalten.“

Friedbert Scharfetters Beitrag wird dann umgehend von niemand geringerem als Klaus Dörner in Form eines Offenen Briefes kommentiert: „Vielleicht können wir (…) darin übereinstimmen, dass Selbstbestimmung allein nicht mehr die einzige höchste Norm in unserem normativen Spannungsfeld darstellt – und wenn doch, dann bitte als Selbstbestimmung für alle, auch für die Angehörigen (Ehepartner, Kinder, Eltern) und >sogar< für den Arzt.“

„Geschichte wiederholt sich nicht“, zitiert Dr. Michael Wunder, Dr. phil und Diplom-Psychologe, diejenigen, die in der aktuellen Euthanasiedebatte hierzulande die Nazivergangenheit weit von sich weisen. Im Dritten Reich ging es doch schließlich bei der Tötung von diagnostizierten Todkranken und Unheilbaren durch Ärzte um einen gesunden Volkskörper. Heute dagegen gehe es „nicht um einen kollektiven Zwang. Der Gegenpol, die Selbstbestimmung des Einzelnen wird herausgestellt (…).“ Wunder warnt eindringlich: „Die neuen Gefahren sehe ich (…) genau in dieser Art der Selbstbestimmungssemantik, bei der das Gebot der Selbstbestimmungsbeachtung von der ärztlichen Verantwortung immer mehr entkoppelt wird. Die Selbstbestimmung alleine bildet eben keine stabile Grenze zur Fremdbestimmung und zur alten Janusköpfigkeit der Euthanasie, wenn sie die Verantwortung der Medizin und der Mediziner ersetzen soll.“
Und wie um die Beschwichtigung „Geschichte wiederholt sich nicht“ zu relativieren, zitiert er an anderer Stelle den US-amerikanischen Berichterstatter des Nürnberger Ärzteprozesses, Leo Alexander, der 1949 notierte: „Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte. Es begann mit der Akzeptanz der Einstellung der Ärzte, dass es bestimmte Leben gibt, die nicht wert sind, gelebt zu werden. (…) es ist wichtig zu erkennen, dass die unendlich kleine Eintrittspforte, von der aus diese ganze Geisteshaltung ihren Lauf nahm, die Einstellung gegenüber nicht rehabilitierbaren Kranken war.“

Werner Rätz, Politologe und Philosoph, verweist ergänzend noch einmal nachdrücklich auf das „ökonomisierte Umfeld“, in dem der Streit um die Sterbehilfe sich gegenwärtig bewegt und fragt ebenso direkt wie hintersinnig, wohin ein verbrieftes Recht auf Sterbehilfe führen könnte: „Wozu soll eine Gesellschaft noch Hilfe und Begleitung bei Schmerzzuständen kurz vor dem Tod organisieren, wenn es einen so viel einfacheren, schnelleren und kostengünstigeren Weg gibt?“ Zugleich stellt Rätz es als weise heraus, wenn man sich auch einmal nicht anschickt, jede zwischenmenschliche Grauzone juristisch auszuleuchten: „Dieses scheinbar Defizitäre der aktuellen Rechtslage in Deutschland stellt tatsächlich einen ganz starken Mechanismus dazu dar, so umfassend wie möglich alles zu bedenken.“

Ja, wie ist denn nun eigentlich die Rechtslage in Deutschland in Sachen Sterbehilfe? Hier kann der Vielschreiber und Psychiatrieprofessor Asmus Finzen aufklären: „Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist Suizidhilfe in Deutschland nicht strafbar. (…) Bis zum Inkrafttreten des Patientenverfügungsgesetzes im Jahre 2009 hat die Rechtsprechung allerdings Wege gefunden, die straffreie Suizidhilfe zu verfolgen (…). Diese Rechtspraxis hat (…) gewiss zu einer Verheimlichung der Suizidhilfe beigetragen. (…) Das Patientenverfügungsgesetz sollte in dieser Hinsicht eine neue Rechtslage geschaffen haben. Allerdings ist die Hilfe zur Selbsttötung den Ärzten in zehn Bundesländern durch ihre Berufsordnung verboten.“
Finzen vermisst eine „mangelnde sprachliche und inhaltliche Differenzierung“ im öffentlichen Diskurs, wodurch Panik geschürt werde: „Die ständige Wiederholung der Forderung nach dem >Verbot der Sterbehilfe< in Medien, Talkshows und politischen Debatten ist geeignet, Millionen sterbenskranke Menschen in Angst zu versetzten, in Angst darüber, dass ihnen am Ende die menschlich gebotene Hilfe beim Sterben versagt bleibt.“
Finzen führt aus Begriffsverwirrungen (z.B. sei eine indirekt aktive Sterbehilfe überhaupt gar nicht „aktiv“), indem er zwei Kategorien einführt, die zu mehr Trennschärfe führen sollen: “Wir müssen rigoros unterscheiden zwischen Hilfe beim Sterben – also der Erleichterung des Sterbens todkranker Menschen – und der Hilfe zum Sterben – also zur vorzeitigen Beendigung des Lebens durch Tötung der Kranken (international: Euthanasia). Erst wenn wir wissen, wovon wir reden können wir uns ein Urteil bilden.“

Was man bei der Urteilsbildung auch nicht versäumen sollte zu bedenken, bringt der katholische Moraltheologe Dr. Andreas Walker von der Universität München in die Argumentation ein: „Die Annahme, 90% der Selbstmorde seien auf psychische Erkrankungen zurückzuführen und damit zu verhindern, wenn die Erkrankung rechtzeitig erkannt und behandelt wird (…).“

Und natürlich will sich niemand der Suizidhilfe bei psychisch Kranken rühmen – schon gar nicht in Deutschland. Aber fest steht, wenigstens nach Ansicht von Asmus Finzen, dass eine Liberalisierung der Sterbehilfe in Deutschland in historisch vermintes Gelände führt, denn, wer A sagt, muss auch B sagen: „Man kann sich nicht für Selbstbestimmung und Inklusion einsetzen und dieses Selbstbestimmungsrecht als Psychiater ausgerechnet psychisch kranken Menschen verweigern.“

 

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