inklusion kontrovers

Bettina Jahnke | 19. Juli 2015 | 0 Kommentare
Sozialpsychiatrische Informationen 2/2015

Nachdem die Kerbe im vorigen Jahr ein Schwerpunktheft zum Thema Inklusion brachte, zieht nun die Redaktion der Sozialpsychiatrischen Informationen nach: „inklusion kontrovers“ soll ausloten, ob es sich nach der UN BRK bei dem politisch verordneten Kurswechsel um „Hohle Phrase, Stolperfalle oder Chance“ handelt.

Bemerkenswert ist der Aufmacher von Dr. Michael Wunder. Der promovierte Psychologe ist seit 2008 Mitglied des Deutschen Ethikrates und brachte schon in der Kerbe das Stichwort Care-Ethik in die Diskussion.
Ausgangspunkt seiner gedanklichen Exkursionen bildet dabei ein seiner Auffassung nach unzureichend differenziert ausgeleuchteter Assistenzansatz. Der tauge zwar grundsätzlich als Gegengewicht zu paternalistisch-eingefärbten Hilfekonzepte. Der Assistenzansatz sei aber kritisch zu hinterfragen, wenn er auf einen einseitigen Selbstbestimmungsbegriff hinauslaufe, der die professionelle Verantwortung des Assistenzerbringers in Grenzsituationen (z.B. selbstzerstörendes Verhalten, fehlende Selbsthilfekompetenzen) überstrapaziere.
Bei der Care-Ethik steht die achtsame Beziehungsgestaltung im Vordergrund. Sie setzt auf ein reflektierten Menschenbild „das auf der Menschenwürde aufbaut, die neben den Freiheitsrechten auch die Schutzrechte einschließt und damit die allgemeine Verpflichtung zu Sorgebeziehungen“.

Die verantwortungsbewusst-achtsame Haltung des „Care-Gebers“ als ethisch einwandfreiem Assistenten wird an vier Kriterien gemessen:
1 Aufmerksamkeit (attentiveness)
>  der zugewandte Mittelweg, der die Gefahr des Abdriftens in Überidentifikation und Ignoranz kritisch im Blick behält
2 Verantwortlichkeit (responsibility)
> Sorge für andere übernehmen
3 Kompetenz
>  Bereitschaft zu lernen und Grenzen zu erkennen
4 Empfänglichkeit (responsiveness)
> Bereitschaft zu „berührenden“ Begegnungen, ohne abzudriften in Symbiose, Paternalismus oder Missbrauch
Unterm Strich sei es erst diese achtsam-fürsorgliche Grundhaltung, die beide Seite –  care-Geber und care-Empfänger – vor einer  „kontakterleerten Service-Einstellung“ schützt.

Um in der Diskussion um die Inklusion die juristische Tragweite der UN-Behindertenrechtskonvention besser erfassen zu können und deren nationalen Fallstricke, ist der Artikel von Professor Johannes Schädler von der Universität Siegen aufschlussreich: „Hier wird die These vertreten, dass sich die UN-BRK aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung und fachlichen Klarheit zumindest als sperrig sowohl gegen rein legitimatorische Nutzung als auch gegenüber interessengeleiteten Instrumentalisierungsversuchen erweist.“ Woher nimmt Schädler diese positive Gewissheit, fragt man sich, wo doch vielerorts die Gefahr heraufbeschworen wird, die Inklusion könnte zu einer Worthülse verkommen?
Der Autor hebt in diesem Zusammenhang zwei Vorschriften hervor: Zum Ersten ist es 33, Abs. 3 (Innerstaatliche Überwachung und Durchführung), der sicherstellt, „dass die Zivilgesellschaft eines Staates, insbesondere Menschen mit Behinderungen und die sie vertretenden Organisationen, in den Überwachungsprozess einbezogen werden und in vollem Umfang teilnehmen soll“. Zum Zweiten ist Artikel 35 von besonderer Relevanz, der einen doppelten Berichtsmechanismus garantiert, „der neben den Staaten auch die Zivilgesellschaft explizit zur Stellungnahme auffordert“.
Diese gründliche Absicherung in der Durchsetzung von Menschenrechten ist offenbar auch in westlichen Gesellschaften Gold wert: „Historische Erfahrungen zeigen, dass beides, Bürgerrechte an sich und ihre Verwirklichungsmöglichkeiten, benachteiligten Bevölkerungsgruppen aber nie ‚geschenkt’ wurden, sondern in politischen Auseinandersetzungen erkämpft werden mussten.“
Professor Schädler macht in Deutschland weiterhin auf einen besonders sensiblen blinden Fleck aufmerksam, der sich aus der Politikverflechtungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft ergibt: „Dieses korporalistische Arrangement ist dadurch gekennzeichnet, dass verbriefte Autonomieansprüche der Freien Wohlfahrtspflege und gesetzlich geregelte staatliche Kostenträgerschaften im administrativen Zusammenwirken zu fest institutionalisierten Unterstützungssystem geführt haben.“ Selbst im Schattenbericht der UN-BRK und in den Kommentierungen der BRK-Allianzwürde sei stellenweise der kritische Blick getrübt: „Mit keinem Wort erwähnt werden die über 180.000 Menschen mit Behinderungen, die z.T. in Mehrbettzimmern in Behindertenheimen der Freien Wohlfahrtspflege leben und deren Träger sich oft staatlichen Modernisierungsforderungen entziehen wollen. (…) Die Problematik von institutionellen Gewaltstrukturen in Behindertenheimen wird nicht thematisiert (….). Auch die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) als weiterer großer Bereich von Sondereinrichtungen (…) wird im Wesentlichen reduziert auf die niedrige Höhe der Werkstattentgelte.“

Damit lässt sich gut überleiten zu einem Beitrag von Professor Christoph Butterwegge von der Universität in Köln, der die Frage aufwirft: Wie soll die Inklusion überhaupt finanziert werden? Butterwegge bezieht hier leserfreundlich transparent einen klaren politischen Standpunkt, von dem aus er argumentiert: „Statt eines Um-‚ bzw. Ab- oder Rückbaus des Wohlfahrtsstaates, wie ihn seit der Weltwirtschaftskrise 1974/75 sämtliche Bundesregierungen betreiben, wäre ein Ausbau des bestehenden Systems zu einer Sozialversicherung aller Bürger nötig. Dabei geht es im Unterschied zu einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht um einen Systemwechsel, sondern um eine genau durchdachte Weiterentwicklung des bestehenden Sozialsystems (…).“
Butterwegge setzt auf eine Bürgerversicherung, die allgemein, einheitlich und solidarisch ist: „Allgemein zu sein heißt, dass sie im Sinn einer Bürgersozialversicherung sämtliche dafür geeigneten Versicherungszweige übergreift: Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung müssten gemeinsam und nach denselben Organisationsprinzipien restrukturiert werden. (…) Einheitlich zu sein heißt in diesem Zusammenhang, dass neben der gesetzlichen Bürgerversicherung keine mit ihr konkurrierenden Versicherungssysteme existieren. (…) Solidarisch zu sein heißt, dass die Bürgerversicherung zwischen den ökonomisch unterschiedlich Leistungsfähigen einen sozialen Ausgleich herstellt.“
Ginge es nach Butterwege würden demnach alle Einkunftsarten herangezogen und es gäbe es weder Versicherungspflichtgrenzen noch Beitragsbemessungsgrenzen, die es Besserverdienenden erlauben, das Bürgerversicherungssystem zu verlassen.

Bei allen akademischen Fachdiskursen wirken insbesondere zwei Artikel belebend, die sehr praxisnah erklären, warum die Inklusion gerade in unkonventionellen Wohnformen hervorragend funktioniert: Markus Kellmann von der LVR-Klinik Viersen stellt das Erfolgsrezept der LiGa (Leben in Gastfamilien) vor. Er betont dabei besonders die Verknüpfung von bürgerschaftlichem Engagement und professioneller Tätigkeit: „Leben in Gastfamilien profitiert davon, dass die Gastfamilie per se einen inklusiven Lebensbereich darstellt. Darüber hinaus ist die Gastfamilie in soziale Netzwerke, z.B. Verwandte, Freunde, Nachbarschaft, Stadtteil, Kirchengemeinde, Vereine eingebunden.“
Mittlerweile ist die LiGa in einer Situation, die es ihr erlaubt selbstbewusst aufzutreten: „Früher hätte man den Wert des Lebens in Gastfamilien daran gemessen, was dort an positiven, Therapeutischen Effekten erzielt wird. Man hätte nachgewiesen, dass in Gastfamilien intuitiv oder dank fachlicher Unterstützung Elemente der Milieutherapie oder des Soteria-Konzepts verwirklicht werden. Der Rückgang an Psychophamaka, Krisen und Klinikaufenthalten sowie die persönliche Zufriedenheit der Klientinnen wären mögliche Indikatoren, um LiGa zu legitimieren. Inzwischen sind wir einen Schritt weiter, weil diese Effekte unstrittig sind und sich die Beweislast umgekehrt hat. (…) Wie sehr hinken Einrichtungen dem mit ihren künstlichen Strukturen, bürokratischen Abläufen und Institutionellen Rahmenbedingungen als ‚Imitation of Life hinterher.“
Zum Glück bleibt Kellmann dennoch geerdet und bescheiden angesichts der Tatsache, dass auch die Gastfamilienidee kein starres Patentrezept ist, sondern immer ergebnisoffen bleibt: „Leben in Gastfamilien kann eine Teilzeitlösung sein (so wie bei einer autistischen Klientin praktiziert). Sie kann eine vorübergehende Zwischenstation sein, die in eine völlig andere Wohn- und Lebensform mündet. Sie kann eine lebenslange Gemeinschaft begründen.“
Und Kellmann macht auch keinen Hehl daraus, dass ein Leben in Gastfamilien im Einzelfall auch durchaus scheitern kann, auch wenn man grundsätzlich keine Personengruppe von diesem Konzept ausschließt.

Ebenfalls originell mutet das Konzept der integrierten Wohngemeinschaften des Münchner Vereins Gemeinsam Leben Lernen an, das sich nunmehr seit 25 Jahren bewährt. Sein Leitbild ist die Studenten-WG. Erörtert wird es von Rudi Sack: „Das grundsätzliche Geschäftsmodell der integrativen WEG ist schnell erklärt: Fünf Menschen mit >geistiger Behinderung< leben zusammen mit vier Personen ohne Behinderung (die nicht zwingend, aber ganz überwiegend Studierende sind). Letzter wohnen in der WG mietfrei und verpflichten sich im Gegenzug zur ehrenamtlichen Mitarbeit. (…) Von außen unterstützt wird die WG durch eine sozialpädagogische Fachkraft (Vollzeitstelle) sowie Helfern im Freiwilligendienst (…)“.
Von dem beschriebenen Angebot ausgeschlossen werden mussten aufgrund einschlägiger Erfahrungswerte im Laufe der Zeit allerdings solche Bewohner, deren geistige Behinderung „mit erheblich herausforderndem Verhalten bzw. einer zusätzlichen psychischen Erkrankung verbunden war“.
Hier zeigt sich einmal mehr, dass jedem auch noch so ehrgeizigen Vorhaben auch Grenzen gesetzt sind…
Alles in allem sind die Studenten-WGs der besonderen Art jedoch auf Erfolgskurs, wenn man den Zahlen glauben mag: „Nach der Gründung der ersten WG im Jahr 1989 wurden weitere in den Jahren 1996, 2005, 2006, 2010, 2014 und Anfang 2015 eröffnet.“

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