Spannweiten

Bettina Jahnke | 27. August 2015 | 0 Kommentare

Sozialpsychiatrische Informationen

„Spannweiten – Zwischen Forensik und Genesungsbegleitung“ – wer in dem Titel der Sozialpsychiatrischen Informationen einen thematischen Überbau sucht, läuft in die Irre. Denn die Sommerausgabe hat keinen Themenschwerpunkt, sondern bietet dem Publikum stattdessen querbeet ein paar Lesehappen.

Keine leichtverdauliche Kost, aber thematisch relevant ist der Aufmacher von Yovnne Kahl, Mitarbeiterin des SPZ Köln-Lindenthal, die eine simple und knappe Frage zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen macht: „Inklusion durch das SGB IX?“
Es geht also um Teilhabeleistungen, die im Rahmen der Rehabilitation gewährt werden. Augenfällig ist nach Kahl eine Rechtsgrundlage, die nicht auf enge Auslegung abzielt: „Bei näherer Betrachtung des Gesetzes wird (…) deutlich, dass die medizinische und berufliche Rehabilitation noch immer den Schwerpunkt im System der Rehabilitationsleistungen bildet (…), dass die soziale Rehabilitation meist nur als Restkategorie hinzugefügt wird.“
Das hat offenbar etwas mit den etablierten Finanzierungsstrukturen zu tun, denn ohne Diagnose fließt kein Geld. Und aus Sicht des Systems macht es durchaus Sinn, dass sich Menschen durch eine Erwerbstätigkeit irgendwann auch wieder selbst finanziell tragen.
Häufig ist diese Logik allerdings nicht lebensnah, weil darin der zweite Schritt vor dem ersten erfolgt: „Um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung psychisch Erkrankter zu fördern, sind Rehabilitationsleistungen vonnöten, die Menschen auch in anderen Lebensbereichen bei der (Wieder-) Gewinnung ihrer Fähigkeiten unterstützen – unabhängig von der Aussicht auf Erwerbtätigkeit. (…) So können Rehabilitationsprogramme, die sich auf die Erlangung sozialer Fertigkeiten richten, dazu beitragen, dass psychisch Erkrankte im Alltag wieder mehr Stabilität gewinnen und Beziehungen pflegen können, was sich auch auf die eigene Erwerbstätigkeit auswirken kann.“
Auch hält die Autorin die Splittung der Hilfeleistungen in medizinische, berufliche und soziale Maßnahmen für kritikwürdig, weil zu unübersichtlich: „Die Komplexität des Rechtssystems scheint somit zunächst eher zu einer Einschränkung der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Betroffener zu führen, da sie bei der Suche, Auswahl, Beantragung und Passung von Hilfemaßnahmen vielfach auf Unterstützung weiterer Personen angewiesen sind.“
Generell wünscht sich Kahl von den Juristen Reformierungsvorstöße in zweierlei Richtungen: Einerseits sollte die Nutzerperspektive gestärkt werden, andererseits sollte die Förderung inklusiver Strukturen in der Gemeinde mitgedacht werden.
Dazu braucht es nach Kahls Auffassung zunächst einmal einen Haltungswechsel unter den Protagonisten. Das geschieht am wirkungsvollsten, wenn man die UN BRK beherzigt und nicht länger über die Köpfe der Betroffenen hinweg und an deren Bedürfnissen vorbei agiert: „Vielmehr geht es darum, dass alle Beteiligten gleichermaßen am Rehabilitationsprozess sowie an dessen Planung beteiligt werden und dass Mitgestaltung durch Betroffene möglich wird.“

Mehr Nähe zu den Betroffenen, wünschte man als geneigter Leser vielleicht auch Dr. Christian Prüter-Schwarte von der LVR-Klinik Köln. Der Facharzt aus der Forensik klagt darüber, dass die ambulante Nachsorge psychisch kranker Straftäter durch ideologisch geprägte politische Entscheidungen in der Gemeindepsychiatrie gegenwärtig erschwert werde. Aus seiner Sicht sei es ein Fehler gewesen auf das ambulant betreute Wohnen zu setzen: „Die Mehrzahl der zu beurlaubenden und zu entlassenden Patienten war und ist aber auf stationäre Wohnheimplätze angewiesen. (…) Zusätzlich wurde vor Ort die Forensische Psychiatrie von der Teilnahme an den Stadtfallplankonferenzen der Gemeindepsychiatrie ausgeschlossen.“
Prüter-Schwarte vertritt unter diesen Umständen einen klaren Standpunkt, den er mit einer spekulativen Zahl zu untermauern versucht: „Für eine nicht unerhebliche Zahl (gegenwärtig ca. ein Drittel) der Patienten werden geschlossene Unterbringungsformen benötigt werden, wenn man eine Entlassung aus dem Maßregelvollzug in naher Zukunft erreichen will.“
Die eigene Fähigkeit zum Perspektivwechsel lässt er hingegen an keiner Stelle seines Beitrages erkennen. So wird die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen im Rahmen einer Schattenpsychiatrie (wie sie in der öffentlichen Diskussion ja gerade den geschlossenen Heimen nachgesagt wird!) für das eigene Klientel, das ohne Lobby dasteht, vom Autor nicht mit einem einzigen Wort zur Sprache gebracht.

Eine ganz andere Haltung lässt sich hingegen beim promovierten Fachkollegen Dirk Hesse erkennen, der als Ärztlicher Direktor im niedersächsischen Maßregelvollzugszentrum Moringen angestellt ist. Er setzt sich mit dem Thema „Good practice im Maßregelvollzug“ kritisch auseinander und wirbt um Verständnis bei den Verständnislosen unter seinen Kollegen: „Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf emotionale Interaktion mit der Umwelt angewiesen. Häufig gelingt dies unseren Patienten nur auf eine Art, die wir als destruktiv bezeichnen und die gewöhnlich Grund für die Unterbringung ist. Ursächlich ist dieses Verhalten als Folge einer gestörten Sozialisation in den ersten Lebensjahren zu suchen (…) Dass diese Verhaltensweisen einmal Teil einer Überlebensstrategie waren, wird im stationären Alltag schnell vergessen. Manch einer wird wünschen, die ständigen Konflikte könnten rasch ein Ende finden, wenn einer ein Machtwort spräche. Wer sich jedoch wie unsere Patienten täglicher Gewalt, sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Willkür oder Liebesentzug gegenübersah und auf sich selbst zurückgeworfen wurde, musste andere Strategien entwickeln, wenn er nicht untergehen wollte.“
Hesse erklärt weiter, dass ausgerechnet der forensische Klinikalltag für diese Menschen häufig mehr Gift als Medizin ist: „Alles ist durchorganisiert, geregelt, es gibt klare Strukturen und Absprachen, jede Lebensäußerung wird überwacht usw. (…) Forensische Kliniken haben Aspekte einer totalen Institution. (…) Es verwundert nicht, dass unter derartigen Bedingungen die Überlebensinstinkte eines Frühgestörten aktualisiert werden und jahrelang trainierte Verhaltensweisen hervorrufen.“
Anders als Prüter-Schwarte steht Hesse einer Politik des Wegsperrens kritisch gegenüber: „Die vielerorts propagierte Praxis des Einschlusses steht der sozialen Begegnung, dem Miteinander und damit dem sozialen Lernen völlig konträr gegenüber.“
Von Mitarbeitern in der Forensik erwartet Hesse die Bereitschaft zur zwischenmenschlichen Nähe und Konfliktfähigkeit. Außerdem plädiert er für mehr Freiräume auf forensischen Stationen: „Das Gefühl der paranoiden Kontrolle findet sich leider nicht nur bei den Patienten. Es überträgt sich rasch auf die gesamte Organisation, was ein unbeschwertes Zusammenleben und damit einen unverkrampften und echten Kontakt mit Patienten mindestens erschwert, wenn nicht verunmöglicht. (…) Einen Menschen zu lieben im Sinne der Zuwendung, der Aufmerksamkeit, des echten Interesses und der Wertschätzung (…) ist im therapeutischen Prozess (…) unabdingbar. (…) Es ist wichtig, sich von Entweder-oder-Vorstellungen in der Therapie und im Umgang mit Patienten zu lösen.“

Ganz gut passt hier zum Abschluss noch ein Artikel von Arno Gruen über „Die Angst als bestimmender Faktor in Politik und Religion“.
Angst und Furcht führen demnach dazu, „dass wir ständig versuchen, andere, unsere Umwelt, das Leben selbst unter Kontrolle zu kriegen, indem wir Macht über sie ausüben.“ So ist auch zu erklären, dass sich hinter ausgewachsenen Tyrannen nicht  selten unreife Angsthasen verbergen. Gruen redet einer zeitgemäßen Pädagogik, die das Schwarze hinter sich gelassen hat, das Wort, indem er Peter Brückner zitiert: „ `Erziehung, sollte deshalb lehren … wie man Unsicherheit erträgt.“ Im Folgenden geht der Autor dann sogar noch einen Schritt weiter, indem er neben der Unsicherheit auch dem Schmerz – trotz aller Angst davor – eine Existenzberechtigung zuspricht. Dabei beruft er sich auf neurophysiologische Erkenntnisse: „Der Neurobiologie Jack Panksepp (2003) sprach davon, dass Schmerzverleugnung die Ausschüttung körpereigener Opioide, vor allem der Endorphine, hemmt. Die Verleugnung von Schmerz verhindert somit auch dessen Linderung.“
Leider wählen wir aber – anstatt uns unseren Ängsten und Schmerzen zu stellen – psychologisch häufiger eine Abkürzung durch Feindbilder: „Den Feind, den wir suchen, um uns von unserer inneren Spaltung zu befreien, finden wir in dem Fremden, dem Anderen, der uns an uns selbst erinnert, weil er dem ähnlich ist, wie wir einst waren. Indem wir ihn bestrafen, können wir uns als aufrecht empfinden und Angst und Furcht aus dem Bewusstsein verbannen.“
Um aus dieser Nummer wieder raus zu kommen, braucht es nicht weniger als eine innere Transformation, die der Autor allerdings von jeder klassisch-tradierten Spiritualität scharf abgrenzt: „Dieses Denken unterschiedet sich grundsätzlich von einer Religion, für die Erlösung in einer Belohnung durch eine Autorität besteht.“
Unter dem Strich bedeutet dies: Erlösen können wir uns am Ende nur selbst. Das bereitet zwar einen Haufen emotionaler Arbeit, bringt aber am Ende eine ganz neue Qualität von Erfüllung.

 

 

 

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