Täter, Opfer, Helfer

Bettina Jahnke | 12. März 2015 | 0 Kommentare

Psychosoziale Umschau 1/2015

Die Psychosoziale Umschau leuchtet in der aktuellen Ausgabe gründlich das Thema Gewalt in der Psychiatrie aus. Und diesmal nicht aus Patientensicht, sondern aus Perspektive der Mitarbeiter und der Angehörigen.

„Täter, Opfer, Helfer“ ist das Gespräch überschrieben, das ich selbst mit einem Krankenpfleger führen durfte, der darin sein lädiertes seelisches Befinden nach zwei gewaltsamen Übergriffen beschreibt. Aus seinem Herzen macht er an keiner Stelle eine Mördergrube und kann klar seine Wünsche nach notwendiger Unterstützung benennen: „Mehr Transparenz. Eine andere Form der Kommunikation und Räume für einen vertrauensvollen Erfahrungsaustausch mit Kollegen. Professionelle Hilfsangebote für Mitarbeiter zur Bewältigung von Gewalterfahrungen. Ergänzend würde es meiner Ansicht nach auch viel Sinn machen, den betroffenen psychiatrisch Tätigen Tools an die Hand zu geben, traumatische Gewalterfahrungen selbst zu bewältigen. Auch die Idee, dass eine mittel- bis langfristige Peer-Beratung durch Kolleginnen oder Kollegen aus dem eigenen Team stattfindet, finde ich sympathisch.“

Christoph Müller legt in einem Artikel noch einmal nach. Er beschwört eine neue Mentalität des Hinguckens auf gewaltsame Übergriffe, anstatt des Wegguckens. Und zwar auf ganzer Linie:
„Es muss ein Nachdenken im Team darüber geben, wie jemand wirkt. (…). Vor allem muss es darum gehen, die eigene Verletzlichkeit zu thematisieren. (…) Man sollte (…) nicht nur den Angegriffenen näher betrachten. Bildet ein Übergriff vielleicht ab, was atmosphärisch auf der Station geschieht?“
Müller wünscht sich darüber hinaus mehr Einbeziehung von externen Fachleuten: „Ein erlebter Übergriff ist die maximale Verletzung der persönlichen Integrität. Bis auf den heutigen Tag gibt es leider noch viele Kolleginnen und Kollegen, die ein solches Verhalten einfach hinnehmen. Sie zeigen auch Körperverletzungen nicht an. Sie lassen sich weder psychotherapeutisch noch medizinisch versorgen.“

Auch Wiebke Schubert, Rechtsanwältin und Vorsitzende des Landesverbandes NRW der Angehörigen nutzt die Gelegenheit, um in dieser Ausgabe der PSU einmal gegen den Strom zu schwimmen: „Liest man die Stellungnahmen zur Zwangsbehandlung, so drängt sich mir der Eindruck auf, ich hätte alles, was psychisch kranke Menschen tun, auszuhalten, ohne Rücksicht auf meine eigenen Grenzen, meine Würde als Mensch.“
Zum Glück stellt Wiebke Schubert freimütig die eigene persönliche Betroffenheit offen zur Schau: „>Nimm Rücksicht!< Das ist so ein Giftsatz aus meiner Kindheit.“ Denn mit ihrer mehr plakativen denn differenzierten Argumentation wird sie sicherlich viele Menschen, darunter nicht nur Psychiatrie-Erfahrene, gegen sich aufbringen:
„Selbst nach der Rechsprechung gehören kleinere Verletzungen der Mitarbeiter zum Berufsrisiko in der Psychiatrie. Das hat aber auch zur Folge, dass psychisch kranke Menschen erleben, dass ihnen in der Psychiatrie keine Grenzen gesetzt werden und alles mit ihrer Erkrankung entschuldigt wird. (…) Ich habe (…) keinerlei Verständnis dafür, wenn ein psychisch kranker Mensch seine Medikamente nicht nimmt – wenn sie erforderlich sind. (…) Die Vorstellung, dass einem geliebten Menschen unter Zwang Medikamente verabreicht werden, ist schwer zu ertragen. Aber das Verhalten eines akut kranken Menschen gegenüber seinen Angehörigen ist auch besonders belastend. Gerade deshalb kann die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, aber auch die Anwendung von anderen Zwangsmaßnahmen, für die Angehörigen sehr entlastend sein.“

Nach so viel Aufwiegelei kommt der nachfolgende Artikel von Michael Löhr über „Das Safewards-Modell“ gerade recht: Der Professor von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld erklärt daran anschaulich, wie Konflikte mit Patienten auf Station vermieden und mehr Partizipation gefördert werden kann. Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt hierbei die Kommunikation. Als Stichworte für die besonderen Interventionen führt Löhr auf:
-       Gegenseitige Erwartungen klären
-       Verständnisvolle Kommunikation
-       Deeskalierende Gesprächsführung
-       Positive Kommunikation
-       Unterstützung bei unerfreulichen Nachrichten
-       Gegenseitiges Kennlernen
-       Gemeinsame Unterstützungskonferenz
-       Methoden zur Beruhigung
-       Sicherheit geben
-       Entlassnachricht

Wie wohltuend, dass Löhr in seinem Beitrag eben nicht nur nach vorne/hinten  oder oben/unten guckt. Vielmehr setzt er stattdessen auf den achtsamen Blick zur Seite. So erläutert er bei den Methoden zur Beruhigung: „Wenn Patienten unruhig werden, fällt dies häufig schon am Gesichtsausdruck oder Tonfall auf. Schon bei diesen ersten Anzeichen können ihnen Methoden zur Beruhigung wie z.B. Aromaöle, Entspannungstees, iPod mit Entspannungsmusik, usw., angeboten werden, um sich zu beruhigen und zu entspannen. Diese Methoden sind der Bedarfsmedikation vorzuziehen.“

Und vielleicht helfen diese Methoden sanfterer Natur gelegentlich auch bei betroffenen professionellen Mitarbeitern oder betroffenen Angehörigen?!

 

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