Trauma

Bettina Jahnke | 27. August 2015 | 1 Kommentare

 

Kerbe 3/2015

 

Die aktuelle Kerbe widmet sich dem Thema „Trauma“, das in der öffentlichen Diskussion zu Recht wachsende Aufmerksamkeit erhält. Das Heft bietet dem Leser einen gut verständlichen Einstieg und Überblick. Die thematischen Tiefenbohrungen mit den Abstechern hin zu Borderline, Sekundärtraumatisierungen, Psychiatrischen Institutsambulanzen, kriegstraumatisierte alte Frauen und Flüchtlingen bieten einen spannend-abwechslungsreichen Lesestoff. Kleiner Wermutstropfen für die Redaktion, der den Leser nicht verborgen bleibt: Der zugesagte Bericht einer Erfahrungsexpertin konnte leider nicht mehr pünktlich zum Redaktionsschluss geliefert werden.

Regelrechte Aha-Erlebnisse verschaffte mir die Geschichte der Psychotraumatologie des Psychologen Volker Dittmar. Darum will ich mich hier auch im Wesentlichen auf die Zusammenfassung seines Beitrages konzentrieren.
Ohne große Umschweife erklärt er, warum die Leiden der Traumatisierten in der Traumaforschung bisher traditionell so wenig Beachtung fanden. Denn eng verbunden war die Frage: Wie authentisch ist der Leidende? Simuliert er gar?
Denn, wo durch menschliche oder übermenschliche Gewalt ein Geschädigter ausgemacht wird, da liegt die Suche nach einem Schädiger bzw. Entschädiger nahe: „In Deutschland war 1884 die gesetzliche Unfallversicherung eingeführt worden und erste Patienten wurden als Unfallopfer begutachtet. Zwei Jahre später schrieb der deutsche Neurologe Hermann Oppenheim in seiner Habilitatationsschrift über die Bedeutung des Schrecks für die Nervenkrankheiten, in der das seelische Erleben als auslösendes Moment von Traumafolgestörungen anerkannt wurde (…) Sein Konzept stieß jedoch auf große Ablehnung, da er die Entschädigungspflicht bei Unfällen anerkannte.“
Geld wiegt hier also schwerer als Empathie.

Schlimm traf es auch die Opfer von sexuellem Missbrauch, denen sich – allen voran – Sigmund Freud zuwandte: „Ich (Red.: Freud) stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von Hysterie befinden sich (…) ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören“.
Ein Jahr später widerrief Freud auf öffentlichen Druck diese Aussage, um seinen Ruf zu wahren und sich der Ausarbeitung seiner Theorien zur infantilen Sexualentwicklung und zum Ödipuskomplex zuzuwenden: „Die Folge war, dass den Aussagen missbrauchter Mädchen und Frauen nicht mehr geglaubt wurde (…). Damit war schließlich das Opfer zur Täterin geworden (…).“
Großes Unrecht wurde auch den Veteranen des Ersten und Zweiten Weltkrieges angetan seitens der Trauma-beforschenden Wissenschaftlern und traumabehandelnden Ärzten: „Aus dem Krieg heimgekehrte traumatisierte Patienten wurden als Renteneurotiker abqualifiziert. Man behauptete, bei Kriegs-Neurosen handele es sich um ‚abnorme Reaktionen minderwertiger oder vorbelasteter Personen.“
Erst der Vietnamkrieg führte die Diskussion wieder weg von den systematischen Unterstellungen der Simulation und Hysterie und verhalf der Psychotraumatologie zum Durchbruch. „Parallel dazu gelang es der Frauenbewegung, die immer mehr gesellschaftlichen Einfluss bekam, das Thema der körperlichen und sexuellen Gewalt gegen Frauen endlich von der gesellschaftlichen Tabuisierung zu befreien.“
1980 fand die „Posttraumatic Stress Disorder“ Eingang in das Diagnosemanual DSM-III-R: „Zwölf Jahre später erfolgte schließlich auch im ICD-10 die Möglichkeit der Diagnosestellung einer Traumastörung unter der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung.“

Traumaopfer sind tragischerweise aber häufig nicht nur Opfer einer Verleugnung durch andere: „Traumata unterliegen häufig einer Sprachlosigkeit, der Tendenz des Vergessens sowie einem Zwang der Wiederholung anstelle eines heilsamen Erinnerns.“
Schon vor 120 Jahren beschrieb der französische Psychiater Pierre Janet im Rahmen seiner Ausführungen zur dissoziativen Störung, „dass die unter traumatischen Bedingungen gemachten Erfahrungen nicht in den vorhandenen Erfahrungsschatz des Individuums integriert werden können, sondern anders im Gedächtnis abgespeichert werden. Diese Erfahrungen werden in dissoziierter und fragmentierter Form abgespeichert und sind dadurch der willentlichen Kontrolle und Beeinflussbarkeit entzogen. Sie wirken jedoch eigendynamisch weiter (…).“
Allerdings geriet auch das Konzept der dissoziativen Störung zwischenzeitlich in Vergessenheit. Es wurde erst in den 1970er Jahren von der Fachwelt wiederentdeckt.
1998 – im Jahr der Eschede-Katastrophe – wurde dann auch endlich Deutschland aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und richtete erstmals einen internationalen Traumakonkgress aus (Köln).

Verglichen mit den geschilderten Anlaufschwierigkeiten hat die Taumaforschung inzwischen Hochkonjunktur: „Aufgrund der rasant schnellen Entwicklung und der Erforschung der neurophysiologischen Hintergründe der Traumaentstehung und Traumaverarbeitung entstehen auch immer wieder neue therapeutische und beraterische Ansätze.“
Parallel dazu werden auch immer häufiger Traumata diagnostiziert. Der Autor macht dies sowohl an einer erhöhten Sensibilität für Traumastörungen fest, als auch an der Ausweitung anerkannter Traumaereignisse: „So wurden Ereignisse aufgenommen, wie das Konfrontiertwerden mit dem Tod oder der Bedrohung einer anderen Person, was in früheren DSM-Versionen nicht ausreichte, um eine PTBS zu diagnostizieren. Auch der Blick auf die Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen hat sich deutlich gewandelt. Heute weiß man, dass frühe Gewallt oder emotionale >Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit sich genauso dramatisch auswirken wie spätere Kriegserlebnisse oder Überfälle.“
Der Autor macht weiter darauf aufmerksam, dass die Schwere eines Traumas auch davon abhängt, ob es einem von anderen Menschen absichtsvoll zugefügt wurde: „Besonders Vergewaltigung und sexuelle Belästigung stellen für Frauen ein erhebliches Risiko dar, eine Traumafolgestörung zu entwickeln, bei Männern waren es Kriegserfahrungen und das Beobachten von Tod oder Verletzungen anderer.“
Die Erfahrung von Traumata bleibt im Laufe eines Lebens leider kaum jemanden erspart: „Daraus lässt sich folgern, dass die posttraumatische Belastungsstörung eine der häufigsten psychischen Störungen ist.“

Auch Ingo Schäfer und Susanne Nick, Arzt und Psychologin an der Traumaambulanz des Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, weisen in ihrem Kerbebeitrag auf den späten Weckruf in Sachen Trauma hin: „Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurden mehr und mehr Untersuchungen vorgelegt, die belegen, dass gerade lebensgeschichtlich frühe Belastungen, wie sexuelle, körperliche oder emotionale Gewalt in der Kindheit, ein robuster Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Störungen sind. Dies trifft auf das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen zu, wie affektive Störungen, Angststörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen (…) und (…) psychische Erkrankungen (…).“
Bei der Diagnose tun sich die Fachleute bedauerlicherweise und zum Leidwesen der Patienten weiterhin schwer: „In der Praxis wird befürchtet, dass sich Symptome weiter verschlechtern, wenn traumatische Erfahrungen angesprochen werden (…). Auch wenn diese  Befürchtung – wenn einige grundlegende Regeln bei Gesprächen über Traumatisierungen beachtet werden – zumeist unbegründet ist, trägt sie offensichtlich dazu bei, dass traumatische Erfahrungen und komorbide posttraumatische Störungen viel zu selten systematisch erfasst werden.“
Worauf es im traumasensiblen Umgang miteinander ankommt? Die beiden Autoren erklären: Die erkannten traumaspezifischen Symptome sollten nicht von der Lebensgeschichte losgelöst betrachtet werden. Sie sollten als Bewältigungsversuch und Schutz positiv gewürdigt werden: „Einerseits sollten Betroffene ermutigt werden sich mitzuteilen. Andererseits muss sicher gestellt wein, dass sie dabei genug Kontrolle und Distanz zu den Erlebnissen behalten. (…)“
Gerade in Kliniken ist ein traumasensibler Umgang nach Auffassung von Nick und Schäfer alles andere als selbstverständlich: „Zahlreiche strukturelle Aspekte, wie mangelnde Rückzugsmöglichkeiten, oder Routinen im Rahmen der Behandlung, wie medizinische Untersuchungen, können Gefühle von Unsicherheit und Ausgeliefertsein hervorrufen. (…) Auslösereize, die zu negativen emotionalen Reaktionen führen, sollten mit Betroffenen identifiziert, einfache Stabilisierungs- und Beruhigungstechniken ermittelt werden. Weiter muss die Gefahr potenzieller Retraumatisierungen, etwa durch Zwangseinweisungen oder Fixierungen, konsequent reduziert werden.“
Weiter geben die beiden „Hamburger“ einen kurzen Einblick in „traumaspezifische“ Interventionen: „Dabei lassen sich stabilisierende Interventionen von solchen unterschieden, bei denen mithilfe von Traumaexposition die Durcharbeitung traumatischer Erfahrungen erfolgt, wie es beim Vorliegen einer PTBS indiziert ist.“
Als Beispiel für ein Therapieangebot, dass auf Stabilisierung und Copingstrategien für Menschen mit schweren Erkrankungsbildern setzt, gilt „Trauma Recovery and Empowerment Model“ kurz TREM.
STAIR bietet sich bei der Behandlung einer komplexen PTBS an, die mit chronischen schizophrenen Psychosen einhergeht.
„Sicherheit finden“ ist ein bewährtes Therapieprogramm bei Patienten mit Substanzmissbrauch.
Von Mueser wurde ein Therapieangebot für schwere Fälle entwickelt, das neben Psychoedukation auf kognitive Umstrukturierung setzt.
Bei neueren Studien haben auch Programme zur Traumaexposition gut abgeschnitten. Namentlich genannt wird hier COPE, das Rückfallpräventionstraining mit Trauma-Exposition in sensu (meint: in der Vorstellung) kombiniert.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist bei der Zielgruppe mit Borderline-Persönlichkeitsstörung erfolgreich.
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) bringt ebenfalls signifikante Genesungserfolge.

Es sieht also so aus, als zeichne sich für viele Traumaopfer – nach langen Jahren kollektiver Fremdverleugnung im Hilfesystem endlich ein Licht ab, das den Weg aus dem Labyrinth der traumaspezifischen Selbstverleugnung weisen könnte.

 

 

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Comments

  1. Errami sagt:

    Hallo,
    Danke für diesen gründlichen Artikel.
    Als weitere Behandlungsmethode möchte ich TRE ergänzen.
    Diese Methode arbeitet mit Selbstheilungkräften und ist nicht sprachgebunden.
    TRE, traumareleasing Exercise, wird großflächig z.b. nach Katastrophen eingesetzt. Begründer ist Berceli.
    Gruß
    S. Errami

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