Vertrauen & Kontrolle

Bettina Jahnke | 16. Februar 2015 | 0 Kommentare

Kerbe 1/2015

„Vertrauen und Kontrolle in der Sozialpsychiatrie“ – die erste Ausgabe der Kerbe im Jahr 2015 ist thematisch angelehnt an die Jahrestagung des EWDE /BeB im Jahr 2014 überschrieben mit: „Angst essen Seele auf“. Man könnte meinen, allein dieses Thema schreie geradezu nach Erfahrungsbericht aus der Feder eines Psychiatrie-Erfahrenen. Aber offenbar war die Redaktion auf diesem Ohr taub. Die Betroffenenperspektive wird überwiegend indirekt wiedergegeben.

Zum Beispiel im Abdruck des abgedruckten Eröffnungsstatements von Anke Homann, ihres Zeichens Theologin. Sie berichtet von einer seelsorgerischen Begleitung, in der es ihr gelang, das bis ins tiefste Mark erschütterte Vertrauen von Frau N. wiederzubeleben. Hinter Frau N. liegt eine zehnjährige Psychiatrie-Karriere, die im Alter von 18 Jahren begann: „Die Einweisungen wurden veranlasst durch ihre Schwägerin, einer Freundin, einer Kollegin (…) und durch ihre Pflegemutter.“

Frau N. verstummt nach dem Bericht von Anke Homann über die ihr zugefügten Erniedrigungen. Schließlich kann sich die Gepeinigte doch noch Gehör verschaffen, indem Frau Homann sie zitiert: „Ausziehen vor männlichen Pflegern (und das vor dem Hintergrund sexueller Missbrauchserfahrungen); Badewanne; alles wird einem weggenommen – alles wird kontrolliert; alles wird eingeschlossen. Dann Überwachung durch die Glasscheibe; Ärzte kommen rein, um zu überprüfen, ob ich etwas sage, wie ich reagiere. (…) Neun Monate durfte ich überhaupt nicht raus – war nur im Zimmer. Die Medikamente haben meinen Körper betäubt – ich konnte nicht auf meinen eigenen Beinen stehen; Essen im Bett; keine Beschäftigungstherapie.“

Was hat sich das Stationspersonal eigentlich damals gedacht oder gefühlt? Vielleicht kommt man dem näher, wenn man die Ausführungen Hohmanns an anderer Stelle noch einmal rekapituliert: „So wie der Umgang mit Ängsten vor dem >Fremden<, >Anderen<, >Andersartigen< zum einen Projektionsflächen zur eigenen Entlastung schafft, rufen >Ängste< zum anderen ein hohes Kontrollbedürfnis auf den Plan, zur Herstellung vermeintlicher Sicherheit. (…) Kontrolle ist offenbar der Versuch, Angst zu begrenzen.“

Homann baut als Gegenspieler der Angst auf das Vertrauen. Als Frau Homann Frau N. eines Tages kennen lernt, interessiert sie keine Diagnose, sondern nur das Bündel Mensch, das vor ihr sitzt: „(…) eine Frau – voller Angst, zitternd, stumm, betäubt, leer. Das, was ich anzubieten hatte, war der Raum – der Raum, in dem sie da sein konnte – so wie sie war – in ihrer seelischen Not, mit ihrem Misstrauen, ihrer Sprachlosigkeit.“ Frau Homann agiert in der zwischenmenschlichen Begegnung absichtslos und wird schließlich über die Jahre Zeuge einer Entwicklung, die unter den Begriff „Recovery“ fällt: „Langsam – ganz allmählich – gelang die Kontaktaufnahme, den Blick allmählich aufrichtend – von Angesicht zu Angesicht. Die ersten Worte – langes Schweigen – und nach und nach das Erzählen einer von Geburt an langen Leidens-, Missbrauchs- und Gewaltgeschichte. (…) Es gab diverse Unterbrechungen, Einbrüche, Rückschritte, Stillstand (…). Heute lebt Frau N. ein eigenständiges, selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben.
Zu schön, um wahr zu sein?
Eben nicht!

Lothar Flemming, ein als Vortragsredner viel angefragter LVR-Mitarbeiter aus dem Fachbereich Sozialhilfe II, schafft mit seinem Beitrag wiederum eine gute Brücke vom zwischenmenschlichen Vertrauen zur Vertrauenswürdigkeit von Systemen. Auch er zitiert eingangs eine „Betroffene“, diesmal eine der bundesweit prominentesten, denn Verena Bentele ist immerhin die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung: „Kontrolle gibt uns Sicherheit und Orientierung; sie ist wichtig, um ans Ziel zu kommen … Aber: mit einem kontrollierten Verhalten kann ich den sicheren Raum nicht verlassen … Vertrauen bildet das Fundament, auf dem ich mich entfalten kann (…).“

Das Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle bestimmt nicht nur Flemmings Vortrag, sondern seine gesamte Arbeit, denn: „Vertrauen ist im Wesentlichen eine Frage der Haltung des Menschen, Kontrolle wird mit konkreten Handlungen in Verbindung gebracht. (…).“

Der glänzende Rhetoriker Flemming argumentiert in seinen Ausführungen genauso zweifelsfrei („Die Menschen mit Behinderung haben einen individuellen Rechtsanspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe.“) wie zweifelnd: „(…) in der alltäglichen Wahrnehmung (…) werden Abhängigkeiten und Machtverhältnisse erlebt (…)“.

Dem könne man nur beikommen, indem die Verwaltung – in deren Dienst Flemming steht – den Dialog immer wieder neu befördert, denn „es gibt unterschiedliche Interessen zwischen den Akteursgruppen der Professionellen (Risikominimierung) und der Patienten (persönliche Zielorientierung).“

Um hier zu tragfähigen Übereinkünften zu gelangen, bewirbt der Verwaltungsmitarbeiter unermüdlich den LVR-Instrumentenkoffer, bestehend u.. aus Individueller Hilfeplanung, Hilfeplankonferenzen, regionalisiertem Fallmanagement, SPZs oder Regionalkonferenzen.

Dies alles trage zu einer besseren Kommunikation und zu mehr Transparenz bei, ohne das der Instrumentenkoffer jemals „abschließend befüllt ist“.

Mit dem Blick auf Inklusion lässt Flemming gegen Ende seines Artikels dann noch eine persönliche Einschätzung durchklingen: In dieser Angelegenheit komme man mit Vertrauen weiter als mit Kontrolle.

Ullrich Nicklaus, Dozent an der Bundesakademie für Kirche und Diakonie, leuchtet in seinem Beitrag eine andere Meta-Ebene von Vertrauen aus. Man erfährt in seinem Text einiges an Hintergrundwissen, so auch etwas über die Etymologie von „Vertrauen“: „Der Begriff stammt aus dem 16. Jh. Und geht (…) auf das gotische Wort >trauan< zurück und gehört zur Wortgruppe >treu<.“

Sozialwissenschaftlich nähert sich Nicklaus dem „Vertrauen“ u.a. über Niklas Luhmann. Der sah im Vertrauen (im Sinne von Zutrauen) erst die Voraussetzung dafür, in einer komplexen Umwelt überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Risikobereitschaft und Kontrolle liegen demnach beim Mensch dicht bei einander: „Jener müsse sich immer wieder klar mache, dass er nicht bedingungslos vertraue, sondern in Grenzen und entsprechend bestimmter, vernünftiger Erwartungen.“

Sinnigerweise lässt der Nicklaus danach Margit Osterlohe und Antoinette Weibel mit einer prägnanten Definition von Vertrauen folgen, die beide 2006 im Rahmen einer Forschungsarbeit herausgearbeitet haben: „>Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.< (…) Sich verletzlich zeigen bedeutet: Man kann mehr verlieren als gewinnen! Man liefert sich dem, dem man das Vertrauen schenkt, aus. (…) Man hat die Erwartung, dass das Vertrauen nicht ausgenutzt wird.“

Eine Frage, die mir beim Lesen dazu spontan in den Kopf schießt: „Ist ein positives Menschenbild dann nicht eigentlich die Voraussetzung für jede gute Unternehmenskultur?“

Nicklaus macht es einem leicht, die eingeschlagene Gedankenspur weiterzuverfolgen, wenn er als nächstes die Entwicklungspsychologie und Hirnforschung bemüht: „Die Entwicklungspsychologie hat die Erfahrungen der ersten Jahre des Menschen als die wichtigste Grundlage für die Entwicklung von Vertrauen identifiziert. (…) Das Erleben von Verstandenwerden ist eine wichtige Basis für den Aufbau von Vertrauen. (…) So werden bei dem Gefühl der positiven Beziehungen körpereigene Opioide ausgestoßen, die nicht nur zu seelischen, sondern auch zu körperlichen Glücksgefühlen führen. (…) Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass Gehirnprozesse nur dann entwickelt werden, wenn sie aktiviert werden bzw. aktiv bleiben. Sonst verkümmern sie. Bezogen auf die Entwicklung von Vertrauen bedeutet es, dass vertrauensvolle Beziehungsangebote dauerhaft vorhanden sein müssen (…).“

Spätestens, wenn Umbrüche und Umstrukturierungen in Unternehmen anstehen, stecken gerade Führungskräfte automatisch in einem Dilemma: „Vertrauen lässt sich (…) – im Gegensatz zur Kontrolle – nicht anordnen. Hinzu kommt, dass Vertrauen von einer Zeitdimension abhängig ist. (…) Dem steht der schnelle Vertrauensverlust gegenüber.“

Heil kommt man nach Nicklaus durch solche vertrauensunselige Zeiten wohl nur, wenn die Chefs sich in einer Bringschuld wähnen: „Gerecht behandelt zu werden, ist i.d.R. Teil des ungeschriebenen >psychologischen Vertrags< zwischen Mitarbeitenden und dem Unternehmen. Mitarbeitende erwarten Anerkennung ihrer Leistung, freundlichen Umgang und Respekt.“

Die Vertrauenskultur in Unternehmen hängt also in den Augen von Nicklus ganz maßgeblich von der Persönlichkeit der Leitenden ab. Deren Vertrauenswürdigkeit messe sich auf allen Hierarchieebenen an „Kompetenz“, „Wohlwollen“ und „Integrität“.

Fazit: Nicht Strukturen und Prozessabläufe sollten im Vordergrund stehen, gerade wenn in Unternehmen Umbrüche anstehen, sondern immer die Frage: „Ist das Handeln von der >Sorge um das Wohlergehen anderer< geprägt“? Gerade im Sozialwirtschaftlichen dürfe diese Maxime nie aus dem Blick gelangen, denn sonst drohen nicht nur strukturelle Reformen, sondern gleich das ganze Unternehmensziel fehlzuschlagen: „Heilungsprozesse sind abhängig von Selbst-Heilungskräften, die mobilisiert werden durch Wertschätzung und Vertrauen.“

 

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