Winter-Mix

Bettina Jahnke | 16. Februar 2015 | 0 Kommentare

Soziale Psychiatrie 1/2015

 

Geschichtsträchtig kommt die erste Ausgabe der Sozialen Psychiatrie zum Auftakt des Jahres 2015 daher.

Der Aufmacher von Susanne Doetz handelt von der „Bewertung menschlichen Lebens von 1914 bis 1934“ im Lichte des ersten Weltkrieges. Doetz arbeitet als promovierte Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berliner Charité am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin.

Sie zeichnet den Anfang der Euthanasie-Bewegung nach, deren Spuren sich bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, als die Idee der aktiven Sterbehilfe mit dem sozialdarwinistischen Gedankengut Einzug hielt.

Im Deutschen Reich machte zunächst ein junger Philosophiestudent namens Adolf Jost 1895 in Göttingen mit der Schrift „Das Recht auf den Tod“ auf sich aufmerksam: „Das Recht auf den Tod bestehe dann, so Jost, wenn sich die Wertlosigkeit eines Lebens offenbare. Dies sei dann der Fall, wenn im individuellen Erleben eines Menschen der Schmerz größer als die Freude sei und wenn für die Allgemeinheit der Schaden eines menschlichen Lebens größer sei als der Nutzen.“

Im gleichen Fahrwasser der so genannten „Rassenhygiene“ bewegte sich auch der bekannte Naturforscher Ernst Haeckel, mit seinem Werk „Lebenswunder“, das 1904 veröffentlicht wurde: „Hunderttausende von unheilbaren Kranken, namentlich Geisteskranke, Aussätzige, Krebskranke u.s.w. werden in unseren modernen Culturstaaten künstlich am Leben erhalten und ihre beständigen Qualen sorgfältig verlängert, ohne irgend einen Nutzen für sie selbst oder für die Gesammtheit.“

Zunächst war dies, so Doetz, einer Einschätzung des Historikers Hans-Walter Schmuhl folgend, jedoch „kaum mehr als ein >hermetischer Zirkel junger Akademiker im Dunstkreis der Lebensreformbewegung<“.
Die auf Initiative des Arztes Alfred Ploetz im Jahr 1905 gegründete Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene zählte zu Beginn übersichtliche 31 Mitglieder.

Die Fraktion der Rassenhygieniker sah im Ersten Weltkrieg zunächst recht euphorisch eine „Bewährungsprobe für das deutsche Volke – als eine Chance, im >Kampf ums Dasein< zu einer Verbesserung des >Menschenmaterials< beizutragen.“
Umso mehr zeigte sie sich dann im Kriegsverlauf ernüchtert, als dieser Plan nicht aufzugehen schien: „Gerade die Besten, Tapfersten und Gesündesten seien >ausgemerzt< worden.“

Im Steckrübenwinter 1916/17 führten die Kämpfer an der Front hingegen die Ernährungshierarchie an: „An oberster Stelle standen (….) das Militär und die Lebensmittelproduzenten. (…) An unterster Stelle standen Menschen, die in totalen Institutionen – wie psychiatrische Anstalten, Gefängnissen oder Kriegsgefangenenlagern untergebracht waren. (…) Die Sterbezahlen stiegen in allen psychiatrischen Anstalten des Deutschen Reichs während des Krieges stark an (…).“
Allerdings waren, betont Doetz, diese Menschen keine Opfer gezielter Tötungen, sondern „Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung und struktureller Gewalt.“

Unter dem Eindruck des allgegenwärtigen Todes während und nach dem Ersten Weltkrieg wurde in juristischen Fachkreisen die Diskussion um das „Töten auf Verlangen“ vor dem Hintergrund einer geplanten Strafrechtsreform nunmehr offen geführt.
Der Strafrechtler Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche sprachen in ihrer  Programmschrift ungehemmt von der „Vernichtung unwerten Lebens“, „Defektmenschen“ oder „Ballastexistenzen“.

Dies stieß auch bei Teilen der national eingestellten deutschen Ärzteschaft auf offene Ohren. Denn diese sah sich durch die Kriegsniederlage empfindlich geschmäht: „Gleichzeitig führten Psychiater einen aggressiven Kampf gegen diejenigen, die angeblich die ärztlichen Leistungen untergraben und die Niederlage der deutschen Armee hervorgerufen hätten – die >Simulanten<, >Drückeberger< und >minderwerten Elemente< unter den Soldaten.“
Den schwer traumatisierten „Kriegszitterern“ wurde von ihnen Willensschwäche nachgesagt: „Die Therapie war häufig grausam und hatte das Ziel, den Willen der Kriegszitterer zu brechen, um sie wieder für die Front tüchtig zu machen. (…) Hypnose war noch eine der milderen Behandlungsformen, wobei auch hier darauf geachtet wurde, den Patienten kleinzuhalten: Er musste sich ausziehen, war in einem dunklen Raum gesperrt, und der große Psychiater im weißen Kittel gab kurze militärische Befehle. Weitere Therapiemethoden bestanden unter anderem in elektrischen Stromstößen, wochenlanger Isolierung, der Provokation von Erstickungsangst sowie inszenierten Scheinoperationen.“

Weitaus humaner als solche empathiefreien Vertreter der Ärzteschaft zeigten sich die Politiker: „Der Weimarer Staat, der sich als Wohlfahrtsstaat verstand, gewährte (…) auch seelisch versehrten Kriegsveteranen in den überwiegenden Fällen eine – wenn auch geringfügige – staatliche Unterstützung.“
Aber angesichts der Weltwirtschaftskrise und der Inflation wurden derlei Mittel mehr und mehr in Frage gestellt.

Allerdings blieb es während der Weimarer Republik auch in diesem Stimmungswechsel „nur“ bei verbalen Aggressionen gegen die Menschenwürde: „Keiner der Gesetzentwürfe, die eine Liberalisierung des Strafrechts bei Krankentötung im Falle unheilbarer Geisteskrankheit vorsahen, kam damals zur Ausführung. (…) Auch ein Sterilisationsgesetz wurde nicht verabschiedet.“

Sehr wohl aber konnten die Rassenhygieniker anderweitig Erfolge für sich verbuchen:
„1923 wurde die erste (außerordentliche) Professur für Rassenhygiene eingerichtet und damit dieses Fach auch stärker in die Ärzteausbildung verankert.”
1927 folgte die Gründung eines ersten eigenen Forschungsinstituts: das Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenetik.

Was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 geschah, ist den meisten Nachkriegsgeborenen aus dem Geschichtsunterricht hinlänglich bekannt.
Wie es danach weiterging…- diesen Faden nimmt Heiner Keupp, emeritierter Professor und Sozialpsychologe, in seinem Artikel „Verworfenes Leben“ auf.

Zunächst stellt er fest, dass die Ängste vor der Absonderung und Entsorgung der „Überflüssigen“ nach 1945 nicht verschwanden. Er erinnert sich an eine Veranstaltung aus dem Jahr 1984, als eine Studentin auf ihn zukam und anvertraute: „dass ihre Eltern noch heute von der Sorge bestimmt seien, dass der geistig behinderte Bruder >abgeholt< werden könnte, und deshalb versuchten sie mit allen Mitteln ihn aus dem öffentlichen Raum fernzuhalten.“

Auch Keupp bleibt trotz aller Diskussionen um die Inklusion misstrauisch. Nach dem Zwischenhoch der Psychiatriereform in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, beobachtet er, „dass eine wachsende Anzahl von Menschen und Menschengruppen von (…) Verwirklichungschancen abgeschnitten ist (…), dass neben der objektiven Prekariatätsdiagnose eine subjektive Seite beleuchtet wird, die von Bude und Lantermann (2006) als >Exklusionsempfinden< bezeichnet wird. Diese zeigen sich aktuell im Feld der Erwerbsarbeit, im Bereich wohlfahrtsstaatlicher Regulierung und letzten Endes im Gebiet der sozialen Beziehungen selbst.“

Nach dem Doetz-Artikel wird einem beinahe unheimlich die Parallele zur gesellschaftlichen Entwicklung 100 Jahre zuvor gewahr: „Alles spricht dafür, dass in dieser Veränderungsdynamik die vertrauten Orientierungsprofile der Menschen und ihre Identitäten erschüttert und neu justiert werden müssen.“

Wie ein Seismograph wirkt da die Arbeitsgruppe um Wilhelm Heitmeier, die seit 2002 jedes Jahr 3.000 Bürger nach deren mentalen Reaktionen auf die soziokulturelle und politische Situation befragt. Heitmeyer warnt 2012 vor „einer >rohen Bürgerlichkeit< und einem >entsicherten Bürgertum<, das Solidaritäten aufkündigt und >sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische und physische Integrität antastbar mach<“.

Glücklicherweise versteigt sich Keupp am Ende nicht in apokalyptischen Untergangsszenarien, sondern appelliert an unseren Bürgersinn: „Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass meine Vorstellungen vom guten Leben im Delegationsverfahren zu verwirklichen sind. Ich muss mich einmischen.“

Weiter beschwört der wortgewaltige Unruheständler das Erbe der „neuen sozialen Bewegungen“ herauf, die sich als „kollektive Zukunftswerkstätten“ mit „neuen Lösungsentwürfen“ verdient gemacht hätten: „Die Psychiatriereform-, die Frauen-, die Selbsthilfe- oder die ökologische Bewegung waren solche >sozialen Experimentierbaustellen<, und wir brauchen sie dringender denn je!“

 

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